Hochstapler

Der Transpo Gabelstapler

Henry Smits-Bode

Besonders schnittig sieht er nicht gerade aus. Seine Motorsporterfolge halten sich auch in eher bescheidenen Grenzen. Vielleicht hat er Jackie Steward mal aus dem Kiesbett gezogen. In der Steilkurve von Monza dürfte er erhebliche Balanceprobleme bekommen haben und auch in Carreras Miniaturausgabe waren Sprungschanze und Looping unüberwindbare Hindernisse. Die Rede ist vom Transpo Gabelstapler, mit dem Carrera 1971 sein LKW-System erweiterte.

Mit diesem Vehikel hat Carrera etwas absolut Einmaliges für die Autorennbahn geschaffen. Kein zweiter Slot-Car Produzent brachte bis heute ein so ausgefallenes Fahrzeug auf die Piste. Geliefert wurde das Transportfahrzeug mit zwei beiliegenden Europaletten, auf denen Benzinfässer und ähnliches Ladegut befördert werden konnte. Es darf aber bezweifelt werden, ob der Fahrer des Fahrzeugs tatsächlich den Staplerschein besitzt, denn der legt bei der Arbeit ziemlich lässig die Hände in den Schoß. Wenn das mal keinen Ärger mit der Berufsgenossenschaft gibt. Den vollen Spielwert entfaltete dieses Fahrzeug erst in Verbindung mit zusätzlichen Ausstattungsteilen wie dem Wendebahnstück, ohne das der Aktionsradius des Staplers sehr beschränkt war. Palette aufnehmen und einige Meter weiter wieder mitten auf der Fahrbahn absetzen ist nun wirklich nicht besonders aufregend. Dazu mußte zumindest ein 3-Seitenkipper oder der Thermozug vorhanden sein, um diese mit viel Fingerspitzengefühl beladen zu können. Insgesamt also ein sehr teures Vergnügen, weshalb der Gabelstapler heute zu den relativ raren Modellen dieses Sammelgebietes zählt.

Paradox ist die Anfälligkeit der Technik bei diesem Fahrzeug. Bei allen anderen Typen des 1:32er Rennbahnsystems ist immer die Karosse die Achillesferse. Die Technik, sollte sie mal beschädigt sein, ist in aller Regel sehr unproblematisch in den Griff zu kriegen. Bei dem Stapler ist es genau umgekehrt. Der Fahrzeugaufbau ist sehr robust, sieht man einmal von dem oft fehlenden Fahrermännchen samt Sitz ab. Schwierigkeiten bereitet aber sehr häufig der Fahrmotor, der bei der Mehrzahl gebrauchter Modelle defekt ist. Hier Ersatz zu beschaffen ist schwieriger, als karrierte Maiglöckchen zu züchten. Bei diesem Modell kam nicht der übliche Standardantrieb zum Einsatz, sondern ein spezielles, erheblich schmaleres Triebwerk, welches über eine lange Motorwelle verfügte, an dessen Enden beidseits des Motors eine Schneckenwelle aufgepresst war. Diese aufwendige Bauweise diente dem Antrieb aller vier Räder, was auch bei voller Beladung sicheren Vortrieb garantieren sollte.

Die Idee war gut, die Ausführung nicht! Der kleine Motor war mit dem schweren Fahrzeug völlig überfordert, was regelmäßig zum Exitus führte. Die frühen Stapler waren noch mit einem vollständig geschlossenen Chassis ausgestattet. Offenbar suchte Carrera in dieser Konstruktion den Grund für das Massensterben, denn schnell wurde das Fahrgestell mit vier Lüftungsschlitzen nachgebessert, die für für ausreichende Kühlung sorgen sollten. Der Erfolg dieser Maßnahme ging aber leider gegen Null. Wer ein zum Kauf angebotenes Modell in Augenschein nimmt, sollte unbedingt den Motor auf Funktionstüchtigkeit untersuchen. Ist dieser defekt, ist ein deutlicher Preisabschlag gegenüber einem einwandfreien Stapler angemessen.

Der Motor, der den Ladebaum in Bewegung versetzt, bereitet vergleichsweise selten Probleme, aber auch hier gibt es eine typische Schwachstelle: Zwar hört man das Aggregat arbeiten, die erhoffte Bewegung bleibt aber aus. Der Grund liegt fast immer in der zweiteiligen Antriebswelle, deren oberer Teil auf den unteren aufgepresst wurde. Hat sich diese Verbindung gelöst, ist kein Kraftschluß mehr vorhanden. Meist läßt sich diese Problem aber einfach beheben, indem beide Teile mit sanfter Gewalt gegeneinander gedrückt werden.

Hinsichtlich der Ersatzteilbeschaffung bereiten die Felgen des Lastenhebers ähnliche Schwierigkeiten, wie der Fahrmotor. Die Räder sind hier nicht wie die Vorderräder der LKW frei pendelt eingehängt, sondern starr mit dem Fahrgestell verbunden. Schon geringer Druck durch Kinderhände führte daher zum Bruch der Achsaufnahme. Da die orangen Felgen nur für dieses Fahrzeug verwendet wurden, sucht man Ersatz erfahrungsgemäß vergeblich. Also auch hier unbedingt ein Auge drauf werfen.

Als einziges Modell der Transpo-Serie wurde der Stapler 1975 mit der Integration der LKW in das Universal-System aus dem Programm genommen. Ob der Grund in dem Problem der Plazierung der Schalter in dem kleinen Gehäuse oder doch eher in der bis zum Schluß anfälligen Technik lag, ist heute nicht nachzuvollziehen.

Frühe Katalogabbildungen des Staplers zeigen von dem bekannten Serienmodell stark abweichende Ausführungen. Neben einigen anderen Details, fallen vor allem ein gelbes und ein rotes Modell sowie ein grauer statt schwarzer Ladebaum auf. Bislang sind diese vermutlich nur als Muster gefertigten Exemplare nicht in der Sammlerszene aufgetaucht. Gesichert ist nur die Existenz der orangen Gabelstapler in den zwei beschriebenen Varianten. Die erste Version mit dem geschlossenen Chassis ist dabei erheblich seltener und in die Seltenheitskategorie SK 9 einzuordnen. Die zweite Version mit dem offenen Chassis erscheint am oberen Ende der SK 7 angemessen eingeordnet.

Aufgrund seiner Einmaligkeit stellt der Gabelstapler eine Bereicherung für jede Slot-Car Sammlung dar. Unter Carrera-Fans zählt er ohnehin zu den Favoriten. Dieses ungewöhnliche Modell zeigt eindrucksvoll, daß Carrera immer auf der Suche nach neuen Ideen war, um das Rennbahnhobby lebendig zu halten. Bei so viel Innovationsgeist fragt man sich fast, warum Carrera keinen Braunkohlebagger auf die Schlitzpiste gestellt hat.

 

Copyright 1997 Henry Smits-Bode

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