Big Brother

Carreras Ausflug in die Vorkriegszeit: Mercedes SSK

Henry Smits-Bode

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Im Grunde war Carreras Modellpolitik so simpel wie effektiv: Alles, was im zeitgenössischen Rennsportgeschehen ein Wörtchen mitzureden hatte und jeder Sportwagen, der die Umschläge aktueller Automobilzeitschriften zierte, fand Eingang in das breite Produktprogramm. Nur zwei Fahrzeuge des Universal Systems feierten ihre Erfolge schon lange bevor die Fürther sie in ihr Sortiment aufnahmen. Dazu zählt die Vorkriegslegende Mercedes SSK, dessen Vorbild 1928 bereits Premiere feierte.

Es war eines der erfolgreichsten Fahrzeuge der Kompressor-Ära. Bis zu 225 PS mobilisierte das 7065 ccm Triebwerk mit Roots-Gebläse und sechs Zylindern, dessen geistiger Vater kein geringerer als Ferdinand Porsche war. Der stand bereits seit 1923 in Diensten der Daimler-Motorengesellschaft und war bekennender Anhänger der Kompressortechnik. Dennoch steht das "K" in der Typenbezeichnung nicht - wie an Stammtischen gern verbreitet wird - für den Luftverdichter. "Super-Sport-kurz" steckte hinter der Zauberformel, wobei "kurz" in Relation zum Typ "SS" zu verstehen ist, der gegenüber den 4250 mm des SSK noch gut 500 mm zuzulegen hatte.

Was müssen das für Männer gewesen sein, die diese 1700 kg schwere Maschine in Grand Prix, die damals noch an die vier Stunden dauerten, permanent am Limit bewegten. In diese Rennen konnte Mercedes reinrutschen, weil das geltende Formule Libre Reglement ausgesprochen freizügig war. Es gestattete, die eigentlich als Sportwagen konzipierten Typen ohne überflüssige Extras wie Kotflügel und Lampen in diese Rennen zu schicken. Ein heutiger Formel 1 Lauf muss dagegen einem gemütlichen Wochenendausflug gleichen. Der große Rudolf Caracciola zirkelte sein Arbeitsgerät am 15. Juli 1928 in Runde 5 mit 111,6 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit um den Nürburgring! Drei SSK, ganz vorn Caracciola mit Partner Christian Werner, siegen bei diesem Deutschen Grand Prix vor den 650 kg (!) leichteren Bugatti, die mit mehr als einer Viertelstunde Rückstand das Ziel erreichen. Bevor dieser Triumph herausgefahren werden konnte, gab es heute unvorstellbare Zwischenfälle.

Werner kommt in seinem SS in Runde 9 an die Box und quittiert den Dienst, da ihm die harte Lenkung den Arm ausgekugelt hatte. An der Strecke wird ihm das Gelenk unter Schmerzensschreien zwar wieder eingerenkt, an eine Wiederaufnahme des Rennens ist jedoch zunächst nicht zu denken. Seinen Wagen übernimmt Willy Walb, der nach einem Unfall in Runde 2 über eineinhalb Stunden querfeldein an die Boxe gelaufen ist. Todmüde und in dem von seinem Crash zerfetzten Overall setzt er sich ans Lenkrad. In Runde 12 kommt Caracciola an die Box und sinkt mit Hitzschlag und Brandblasen an den Füßen in sich zusammen. Nachdem man ihm einen Eimer Wasser über den Kopf geschüttet hat, wird er überredet, solange weiterzufahren, bis Werner wieder halbwegs einsatzfähig ist. Mit Isolierband aus dem Werkzeugkasten wird daraufhin eine Bandage für Werners lädierten Arm gebastelt, der für die letzten beiden Runden erneut ins Cockpit steigt und den Wagen als Erster durchs Ziel bringt,

So sehr wir uns als Sammler und Rennsportfans auch manchmal wünschen, einmal das Original mitVollgas über die Strecke zu scheuchen: Die Schilderungen aus der Frühzeit des Automobilrennsports sollten uns klarmachen, daß es manchmal vielleicht doch angenehmer ist, ein Modell aus sicherer Distanz über die Slot-Piste zu schicken.

Das gilt insbesondere, wenn es sich um eine so schöne Miniatur, wie den Uni-SSK handelt. Hier haben die Fürther wirklich alle Register gezogen. Abgesehen vom nicht ganz systemgetreuen Maßstab, der eher 1:29 als 1:32 entspricht, ist hier wirklich ein sehr detailgenaues Fahrzeug auf die Räder gestellt worden, welches von 1975 bis 1980 die Carrera Palette bereicherte. Vom filigranen Mercedes Stern in exponierter Stellung auf dem Hochkühler über die beiden Reserveräder auf dem Heck bis zu den charakteristischen seitlichen Krümmerrohren rechtsseitig der Motorhaube: Das Fahrzeug kann aus allen Perspektiven überzeugen. So scheint dieses Modell auch ein wahrer Bestseller des Sortiments gewesen zu sein, denn trotz der relativ kurzen Bauzeit sind diese Oldtimer heute durchaus häufig zu finden. In den meisten Fällen forderte jedoch die Detailtreue ihren Tribut. Die Scheinwerfereinsätze verließen oft schon im Spielzeugladen die Lampentopfe. Stern, Scheibe, Fahrerkopf und damit dann auch meist das Fahrerinlett hielten dem forcierten Renneinsatz nur selten stand. Im gnadenlosen Fight auf der Piste brachen zudem fast immer die Stoßstangen, wenn es ganz hart kam auch die Aufnahmen dieser Anbauteile in dem roten Karosserieunterteil. So relativiert sich schnell das Wort "häufig", wenn man nur die für den Sammler einzig interessanten einwandfreien Exemplare ins Auge faßt. Makellos erhalten, komplett mit den originalen Anbauteilen bestückten rot/weißen Mercedes SSK kann durchaus die Seltenheitskategorie SK 7 (von 1 = sehr häufig bis 10 = extrem rar) zugesprochen werden. "Makellos" beinhaltet dabei einwandfrei erhaltenen Chrom, der bei gebrauchten Modellen auch mal mitfeinen Pinselstrichen ausgebessert wird.

Die genannten Schwachstellen sind vor einer Kaufentscheidung unbedingt zu prüfen. Dazu zählt ein genauer Blick auf alle Beschlagteile, wobei Repliken wie immer am unnatürlicher wirkenden intensiveren Glanz zu erkennen sind. Selbst wenn nur der Stern ersetzt wurde, ist der Wert gegenüber einem fabrikneuen Top-Auto um mindestens 15 % niedriger anzusetzen. Faire und seriöse Anbieter weisen von sich aus auf den eingeschränkten Originalzustand hin.

Vor Serienstart wurde bei Carrera auch ein SSK mit blauem Karosserieunterteil hergestellt. Dieses Auto blieb nach derzeitigem Kenntnisstand ein Einzelstück. Es handelt sich bei diesem Exemplar aber zweifelsfrei um eine authenti­sche Miniatur aus den 70er Jahren, welche sich auch in weiteren Karosseriedetails von den Modellen aus der spä­teren Serie unterscheidet. Daneben wurden die Einzelteile des SSK 1997 von der neuen Geschäftsleitung versuchs­weise bei Carrera gespritzt, um den Zustand der Formen zu testen. Hierfür wurde matter hellroter und gelber Kunststoff verwendet, der eine Verwechslung mit dem Original absolut ausschließt. Gleiches gilt erst recht für die seit 1999 ange­botenen Repliken im Zweileiter-System (die gab es übri­gens nicht in blau, wie fälschlicherweise in dem Carrera ­Buch des Battenberg-Verlages angegeben), deren Form stark zum Nachteil überarbeitet wurde. Gemessen am heutigen Produktionsstandard sind diese Fahrzeuge eindeutig zu teu­er, und um zu einem echten Sammlerstück zu avancieren, fehlt diesen von privaten Initiatoren angebotenen Modellen die Authentizität, die für eine nachhaltige Wertsteigerung unabdingbar ist.

Wer jetzt auf den Geschmack gekommen ist und noch ei­nen guten SSK in seiner Vitrine vermißt, dem seien die näch­sten Slot Car Börsen ans Herz gelegt. Auf den größeren Sammlertreffen ist fast immer ein wirklich gutes Exemplar des "weißen Elefanten", wie er in seiner Glanzzeit liebevoll genannt wurde, zu finden.

 

Copyright 2000 Henry Smits-Bode

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