250 PS - sticht

Die Carrera Quartetts und die Carrera Schallplatte

Henry Smits-Bode

In den 70´ern eroberte George Lukas mit seinen Star-Wars Figuren die Kinderzimmer der ganzen Welt und legte mit dieser Strategie, ein Filmthema weit über das eigentliche Filmgeschäft hinaus zu vermarkten, die Grundlage des modernen Merchandising. Der Dinosaurier zum Kinohit, das Buch zur Fernsehserie, die Bettwäsche zum Fußballverein - an all das haben wir uns seit dem gewöhnen müssen. Aber das Quartett zur Autorennbahn, die Schallplatte zum Rennbahnsystem - das erscheint auch heute noch kurios.

Platte1965 brachte Carrera eine Single heraus, deren Unterhaltungswert doch eher bescheiden war, so daß es nicht weiter verwundert, daß Carrera hiermit keinen Top-Ten Hit landen konnte. Schon die Titel der beiden Seiten lassen hier harte Kost vermuten: “Huschke von Hanstein über die Carrera - Autorennbahn” und “Dröhnende Motoren beim Carrera - Autorennen”; und die Titel halten leider, was sie versprechen. Das Gespräch mit Herrn Hanstein ist aus heutiger Sicht mehr etwas für Freunde des loriotschen Humors. “Porsche gewinnt auf dem Miniatur Nürburgring. Das freut natürlich ganz besonders Huschke von Hanstein ...”, so ist einleitend zu hören, worauf einige Erklärungen des Altmeisters zu dem Ursprung des Namens Carrera, zur Formel 1 und letztlich zur Modellanlage folgen. Dramaturgischer Höhepunkt dieser Seite ist ein kommentiertes Rennen zwischen dem Interviewer und Huschke von Hahnstein, bei dem die beiden Beteiligten ihr eher kindliches Gemüt beweisen. Im Qualitätsvergleich sind da selbst die aktuellen RTL Formel 1 Übertragungen Grimme-Preis verdächtig. Doch damit nicht genug. Die dröhnenden Motoren dürften damals selbst der gutmütigsten Mutter spätestens beim dritten Abspielen den letzten Nerv geraubt haben. Das anfängliche Motorengeräusch vor dem Start erinnert mehr an urzeitliche Laute unserer Vorfahren als an ein Formel 1 Rennen. Nach dem Start folgt in erster Linie der Lärm der Rennwagen, gewürzt mit der penetranten Stimme des imaginären Streckensprechers. Leider erfährt der Hörer nicht, wer das Rennen gewinnt.

Eine weitere Kuriosität stellen die Quartetts dar, die Carrera 1969 in Lizenz von zwei verschiedenen Spielkartenfirmen herstellen ließ. Ein Quartett zeigt verschiedene Carrera Universal und 124 Fahrzeuge in Aktion, deren Abbildungen mit den technischen Daten der Vorbilder angereichert wurden. die letzten zwölf der 36 Spielkarten setzen den Spielwert des Quartetts allerdings deutlich herab, denn auf den Karten 7a bis 7d werden Carrera Universal-Grundpackungen gezeigt und auf den Blättern 8a bis 9d Spielszenen mit der Carrera - Jet Flugbahn. Auf Karte 6a ist übrigens im Hintergrund eines Ford 3 ltr. die einzige offizielle Abbildung eines Porsche 908 Spyder ohne rote Streifen zu sehen. Das zweite Quartett erfordert die Komplettierung von jeweils vier Spielkarten, um hieraus ein vollständiges Fahrzeug zusammenlegen zu können.

Offenbar wurden beide Quartetts von zwei verschiedenen Unternehmen, der Firma ASS und der Firma Heinrich Schwarz+Co, hergestellt. Nicht ganz einig ist man sich in Sammlerkreisen, welche Deckblätter zu welchen Ausführungen gehören. Das Deckblatt der Firma ASS mit dem Jaguar E als Titelbild ist auf beiden Versionen zu finden, während die Firma Schwarz zwei verschiedene Titel bereit hielt, die den Porsche Carrera 6 bei dem “normalen” Quartett und den Lotus 40 bei dem Anlegespiel zeigen (siehe Abbildung). Es scheint jedoch, als seien die Deckblätter auch werksseitig schon mal vertauscht worden, denn es sind mehrere Quartetts bekannt, denen das jeweils andere Frontblatt zugeordnet ist. Aufgrund der Seltenheit der Quartetts ist ein nachträglicher Austausch als eher unwahrscheinlich anzusehen. Auffallend ist, daß die Deckblätter anders als die anderen 36 Karten nicht das Carrera-Logo auf der Rückseite tragen. Dieses weist nicht etwa auf eine nachträgliche Kopie oder anderweitige Fälschung hin, sondern ist tatsächlich original. Anders als bei den Fahrzeugen hat sich für Schallplatte und Quartetts bisher kein einheitliches Preisgefüge etabliert. Manche Carrera-Sammler haben überhaupt kein Interesse an diesen Nebensächlichkeiten, für andere wiederum stellen sie das sprichwörtliche Salz in der Suppe dar, also das unverzichtbare Beiwerk, welches eine Sammlung erst komplett macht. Letztlich bleibt es also dem Interessierten selbst überlassen, was er zu zahlen bereit ist. In Carrerakreisen werden diese Teile allerdings ohnehin meist nur als Tauschobjekt offeriert. Die Quartetts sind mit etwas Glück manchmal über Quartettsammler zu verhältnismäßig moderaten Preisen zu ergattern. Maßgeblich für die Sammelwürdigkeit ist in erster Linie die Vollständigkeit (inkl. Deckblatt!) und die einwandfreie Erhaltung der Karten, d. h. keine Risse, Beschriftungen etc. Gleiches gilt natürlich für die Schallplatte, zu der i. d. R. ein größtenteils rosafarbenes Cover gehört. Es gab allerdings auch Exemplare, die als Muster mit einem neutralen weißen Cover an die Fachhändler geliefert wurden. Aber auch, wenn diese Variante als original anzusehen ist, ist sie deutlich niedriger zu bewerten, als die bedruckte Version.

Kein Carrera-Thema ohne das obligatorische Gerücht: Angeblich soll die Schallplatte auch mit einem Cover verkauft worden sein, das Huschke von Hanstein zeigt. Ein solches Exemplar ist bislang jedoch nicht bekannt. Sollte ein Leser Kenntnis von der tatsächlichen Existenz dieser Hülle haben, bitten wir um eine entsprechende Mitteilung an den Autor oder die Redaktion.

 

Copyright 1997 Henry Smits-Bode

update.gif (79644 Byte)UPDATE: Hans-Jürgen Leguttky konnte zu dem Uni Artikel über die Quartetts und die Schallplatte in der COL 4/97 noch einen interessanten Nachtrag liefern. Die von ihm zur Verfügung gestellten Abbildungen zeigen eine sehr seltene Packungsvariante des Carrera Anlegequartetts. Hersteller des mit “Carrera Rennauto Super Show” bezeichneten Spiels ist die Firma Heinrich Schwarz +Co. Die Karten sind identisch mit denen des Quartetts mit der Nr. 637 (hier 6371). Die Karten sind jedoch in einem farbig bedruckten Pappkarton mit blauem Styroporeinsatz untergebracht.