Aschenputtel

Porsche 804 Grand Prix

Henry Smits-Bode

Nein, wir haben uns nicht entschlossen, eine zusätzliche Rubrik für Märchen in die C-O-L aufzunehmen, um diese Zeitschrift familienfreundlicher zu gestalten. Wer aber die Geschichte von der ungeliebten Schwester kennt, der versteht den Bezug des Titels zum Uni-Thema dieser Ausgabe: Die zur Spezies der “Zigarren” zählenden Porsche Formel 1 führen wirklich ein bemitleidenswertes Schattendasein in der Sammlerwelt.

Dabei steht gerade diesem Fahrzeug die Ehre zu, der Urahn aller Uni-Fahrzeuge zu sein. Mit der Bestellnummer 400 ist er gemeinsam mit dem Ferrari 156 in einem 1962 erschienenen Ankündigungsblatt -damals noch unter Bezeichnung Carrera System- zu sehen. Die Abbildungen zeigen z.T. die ebenfalls von Neuhierl produzierten Kunststoffmodelle im ungefähren Maßstab 1:18, was die an Uni-Modellen unbekannten Räder erklärt.

Als Vorbild des unscheinbaren Renners diente der von den Zuffenhausenern 1962 im Grand Prix Zirkus eingesetzte Porsche 804. Nur in diesem Jahr nahm Porsche mit einer vollständigen Eigenentwicklung an der Formel 1 teil. Erst nach einigen Modifikationen im Laufe der Saison erreichte der komplizierte Achtzylinder-Boxermotor seine Spitzenleistung von 185 PS und war damit durchaus auf Höhe der Konkurrenz. Diese bestand in erster Linie aus Lotus mit dem Typ 25, der mit seinem revolutionären Monocoquechassis eine neue Zeitrechnung in der Formel 1 einläutete, und dem Rennstall BRM mit dem Typ 56. Deren Fahrer Graham Hill auf BRM und Jim Clark auf Lotus dominierten eindeutig die Weltmeisterschaft und machten den Titel unter sich aus. Die 62er Saison war also voll in britischer Hand.

Porsches Fahrer, der Amerikaner Dan Gurney und der Schwede Joakim Bonnier, hatten dagegen nur wenig Grund zur Freude. Bereits das Debüt beim Großen Preis der Niederlande verlief entmutigend. Bonnier, der als zweiter Mann im Team noch einmal mit dem alten Vierzylinder an den Start gehen mußte, war bereits nach der Qualifikation mit 4,5 Sekunden Rückstand aus dem Rennen. Gurney überraschte zunächst, indem er im Training mit Clarks Lotus gleichziehen konnte. Im Rennen jedoch schied er mit technischen Problemen aus. In Monaco wollte Porsche zunächst gar nicht an den Start gehen, wurde aber letztlich von Gurney doch noch zu einer Teilnahme überredet. Der konnte zunächst gut mithalten, mußte sich aber letztlich dem Ferrari von Richie Ginther geschlagen geben. Frustriert legte Porsche eine Pause ein, um sein Fahrzeug konzentriert weiterentwickeln zu können. Erst beim Grand Prix von Frankreich in Rouen ging man wieder an den Start. Die Arbeit sollte sich auszahlen: Dan Gurney gelang mit dem Sieg auf dem Porsche 804 der bis heute einzige Triumph eines reinen Porsche-Rennwagens in der Grand Prix Geschichte. Erst Anfang der achtziger Jahre konnte die Firma wieder an diesen Erfolg in der höchsten Motorsportklasse anknüpfen, als sie als Motorenlieferant von McLaren Porsche die Rennpisten beherrschte. Ferry Porsche entschloß sich Ende 1962 zu einem Rückzug aus dem Grand Prix Geschäft und konzentrierte sich fortan mit bekannt großem Erfolg auf zweisitzige Sportwagen mit Kotflügeln. War der 804er auch relativ erfolglos, so bildete dieses Projekt doch die Grundlage für die späteren Siege der Porsche-Spyder und der 907 Prototypen, in denen der Achtzylinder mit größerem Hubraum zum Schrecken der Konkurrenz eingesetzt wurde.


Die frühen Uni Modelle lieferte Carrera in diesen Pappschachteln mit separatem Bodeneinsatz aus

Geschichte bietet das Modell folglich genug. Woran liegt es dann, daß es dennoch auf so wenig Gegenliebe bei den Sammlern stößt? Ganz einfach: Es ist zu häufig! Und Sammler haben bekanntermaßen nur Spaß an Dingen, die es eigentlich gar nicht gibt oder zumindest möglichst wenig. Die meisten Uni-Liebhaber handeln offenbar nach dem Motto “irgendwann läuft mir schon einer über den Weg” und haben damit auch meist recht. Ein Blick auf die Details zeigt jedoch oft, daß vielleicht doch noch die ein oder andere Variante in der Sammlung fehlt.

Porsche 804 in blau, Fahrerhelm rot:
Grundsätzlich gibt es diese Ausführung so häufig, wie den sprichwörtlichen Sand am Meer. Erst die Feinheiten machen dieses Fahrzeug etwas interessanter. Die Unterschiede liegen hier in erster Linie in den verschiedenen Schleifersystemen: Die erste Version hatte den alten Schleifer mit dem runden Stiftschleifer in der Mitte und rechts oder links fixierten Seitenschleifern. Gleichzeitig hat dieses Modell nur kleine Ausschnitte für die Vorderachse. Diese fallen bei der anderen Variante mit normalem Universal-Schleifersystem wesentlich größer aus, um die geänderte Vorderachse aufnehmen zu können, die hier detaillierter ausgeführt wurde.

Letztere Schleifervariante ist zudem mit und ohne Motorausschnitt im Chassis hergestellt worden. Wann die Umstellung auf das neue System vollzogen wurde, ist nicht mit Sicherheit zu bestimmen. Vermutlich wurden die Zigarren aus Kostengründen längere Zeit mit dem einfachen Schleifer produziert, während die teureren Modelle schon mit dem komplizierten Uni-Schleifer bestückt wurden. Der blaue 804 war jedenfalls von der ersten Stunde an im Carrera Programm und wurde ab 1963 vertrieben. Als Felgen wurden i.d.R. die bekannten Zigarrenräder verwendet. Ein Fahrzeug mit abweichender Bestückung ist zwar bekannt, kann aber nicht mit Sicherheit als Original identifiziert werden. Ohne auf dieses immer etwas zweifelhafte Detail einzugehen sind die blauen 804er in der niedrigsten Seltenheitskategorie, der SK 1 anzusiedeln. Diese Einstufung gilt für Fahrzeuge in unbeschädigtem Zustand. Es ist jedoch gerade bei diesen ersten Carrera Modellen anzumerken, daß wirklich unbespielte Fahrzeuge sehr rar sind und nicht ohne weiteres in diese Kategorien eingeordnet werden können.

Porsche 804 in weiß, Fahrerhelm rot:
Den weißen Porsche gab es nur mit dem typischen Uni-Schleifer, jedoch auch mit den verschiedenen Chassis mit und ohne Motorausschnitt. Im Katalog ist diese Farbe erst 1968/69 abgebildet. Auch hier läßt sich heute nicht sicher bestimmen, ob diese Variante den blauen Porsche ersetzt hat oder beide Farben parallel im Programm blieben. Die Tatsache jedoch, daß beide mit den verschiedenen Chassis auf dem Markt waren, spricht eher für die letztere Annahme. 1970 verschwand der 804 aus der Produktpalette der Fa. Neuhierl. Der weiße Porsche kann ebenfalls in der SK 1 angesiedelt werden, auch wenn er etwas “seltener” ist, als der blaue Bruder.

Porsche 804 in rot, Fahrerhelm silber:
In ganz anderen Sphären ist dagegen die rote Ausführung zu finden, die nur mit dem alten Stromabnehmer bekannt ist. Abbildungen dieses Typs finden sich in frühen Prospekten des Jahres1964 und dem Huschke von Hahnstein Faltblatt von 1965. In diesen Jahren müßte auch etwa der Produktionszeitraum dieses wirklich seltenen Fahrzeuges liegen. Obwohl der rote Porsche in der SK 8 zu finden ist, werden für ihn bei weitem nicht die Preise gezahlt, die z. B. für einen in etwa auf gleichem Niveau einzuordnenden Porsche 917 Turbo in orange/rot geboten werden. Vielmehr rangiert diese Rarität in etwa in der Preisklasse eines neuwertigen Carrera 6. Es ist eben “nur” eine Zigarre.

Die Porsche F1 haben zu allem Überfluß auch noch die Eigenschaft, so alt auszusehen, wie sie sind. Wer hin und wieder mal Resonanz auf seine örtliche Kleinanzeige registrieren kann, der weiß, welche Folgen das haben kann: Liegt eine Zigarre in dem Paket auf dem Speicher macht der Otto- Normalrennbahnverkäufer die einfache Gleichung alt = selten = teuer auf. Ist es dann nicht gerade das rote Exemplar, hat man meist fundierte Argumentationsarbeit zu leisten, um den Verkäufer auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen.

Wer einen Porsche 804 in Augenschein nimmt, sollte zunächst darauf achten, daß die beiden silbernen Startnummern vorhanden und in ansehnlichem Zustand sind. Nur das rote Modell ist mit weißen Papieraufklebern beklebt worden. Zudem sollte der vordere Lufteinlaß auf mögliche Risse untersucht werden. Eine leichte Krümmung der Renner nach rechts oder links ist für die frühen Formel 1 geradezu typisch und muß in gewissem Rahmen in Kauf genommen werden. Gleiches gilt für die meist leicht auseinanderklaffenden Karosseriehälften und bei der weißen Variante für eine leichte rosafarbene Verfärbung der Karosserie, die durch die Weichmacher in den Reifen verursacht wird. Rund um die Hinterachse bricht häufig der Kunststoff, also auch hier unbedingt einen kritischen Blick riskieren, denn Sammlerpreise sind wirklich nur bei Top-Fahrzeugen angebracht. Lediglich bei dem roten Modell sollten Mängel in Kauf genommen werden, denn diese Variante fehlt noch in so mancher Sammlung. Sollten hier einmal Anbauteile wie Scheibe, Auspuff, Lenkrad usw. fehlen, findet sich leicht Ersatz in jeder zweiten Grabbelkiste. So wird auch aus einem Aschenputtel wieder ein Schneewittchen.

 

Copyright 1998 Henry Smits-Bode

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