Bunte Mischung

Carrera Universal Porsche 901/911 Zivilversion, Serie 1

Henry Smits-Bode

PIC

1963 war zweifellos ein geschichtsträchtiges Jahr: John F. Kennedy fällt in Dallas einem Attentat zum Opfer, der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland Konrad Adenauer übergibt sein Amt an Ludwig Erhard und -für uns Uni infizierte natürlich das bedeutendste Ereignis dieses Jahres- die Firma Neuhierl beginnt mit der Produktion der Carrera Autorennbahn. Im September desselben Jahres stellt Porsche auf der Frankfurter IAA seinen späteren Klassiker und Evergreen Porsche 911 vor. Noch vor Serienanlauf des Originals im Herbst 1964 nimmt sich Carrera das zeitlos schöne Coupe zum Vorbild und integriert es zusammen mit dem Mercedes 230 SL als erste Straþensportwagen neben den bisher produzierten Formel-"Zigarren" in das nun sechs verschiedene Typen umfassende Modellangebot. Was uns Carrera in den Folgejahren an Varianten dieser sehr gelungenen Miniatur hinterlassen hat, stellt mengenmäßig selbst die bisweilen Okkupationsngste erzeugende Reproduktionsgeschwindigkeit der Kelly-Family in den Schatten.

Ursprünglich hieß Porsches Geniestreich nicht 911, sondern hörte auf den Namen 901. Kurz nach Produktionsbeginn 1964 mußten die Zuffenhausener jedoch die Bezeichnung ändern. Die SA des Automobiles Peugeot hatte sich die Null in der Mitte dreistelliger Typenbezeichnungen schützen lassen, so daß aus der 901 die 911 wurde. Auch Carrera bot sein Modell im 64er Katalog als 901 an. Alle späteren Abbildungen ab 1965 wurden vorbildgerecht mit 911 bezeichnet. Dennoch hat sich unter Sammlern etabliert, die frühen Modelle vor 1967 ohne Spiegel und Typenschriftzug als 901er zusammenzufassen und die danach gefertigten Fahrzeuge, die durch einen Fahrerspiegel und den 911 Schriftzug auf der Motorhaube aufgewertet wurden, als 911er. Diese Tatsache ist letztlich auch darauf zurückzuführen, daß Carrera auch noch nach 1964 die offenbar auf Vorrat gedruckten 901er Etiketten auf die Verkaufspackungen klebte. Auch ich werde im folgenden die jeweilige Typenbezeichnung entsprechend der eben beschriebenen Karosserieunterschiede verwenden.

Richtig interessant für den Sammler wird es bei den verschiedenen Farbvarianten, denn hier finden sich einige der wirklichen Raritten, die einer Uni-Kollektion erst das sprichwörtliche i-Tüpfelchen verleihen. Auch die auf den ersten Blick größtenteils identisch scheinenden Chassis weisen wesentliche Unterschiede auf, was die Komplettierung restaurationsbedürftiger Objekte -legt man Wert auf 100%igen Originalzustand- nicht gerade vereinfacht. Die bei den folgenden Fahrzeugbeschreibungen genannten Produktionsjahre sollen bitte nur als begründete Annahmen aufgefaßt werden. Definitive Aussagen können hier von mir bei einem Teil der Fahrzeuge leider nicht getroffen werden, da in den frühen Katalogen, Prospekten und Broschüren nur schwarz/ weiß Bilder oder gezeichnete bzw. retuschierte Abbildungen zu finden sind. Als Referenz für die Seltenheitskategorien (SK) auf einer Skala von SK 1 (=häufig) bis SK 10=(extrem selten) dienen hier beispielhaft der Ferrari 312P in orange mit dem Wert 1 und der Ford Capri Lexan in rot mit dem Wert 10. Die Kategorie bezieht sich dabei auf ein makelloses Fahrzeug im völlig beschädigungsfreien und kompletten Originalzustand, d. h. ohne Replikateile. Da die Einschätzungen auf meinen persönlichen Erfahrungen beruhen, sind diese zwangslufig subjektiv beeinflußt. Andere Sammler können daher durchaus zu anderen Ergebnissen kommen.

 

Porsche 901 in dunkelblau
Diese Fahrzeug verfügt gegenüber den späteren Versionen über ein einfacheres Chassis. Der Fahrereinsatz ist nur an den vorderen zwei Punkten verschraubt und das Chassis hat hinter der Hinterachse nicht die zwei Längsverstrebungen späterer Ausführungen. Diese Details veranlassen mich zu der Annahme, daß der dunkelblaue 901er der erste der Serie war, da ja die folgenden Chassis aus technischer Sicht jeweils Verbesserungen aufweisen. Der Produktionszeitraum läßt sich nur vermuten, wahrscheinlich 1964-1965. Eine farbige Abbildung findet sich in den Carrera Unterlagen nur in der 1965er Auflage der Broschüre "Die Autorennbahn mit Pfiff", diese alledings nur als Zeichnung. SK 9

PIC

Porsche 901 in hellblau Chassis schwarz u. Ch. grau
Dieses Modell ist in keinem Katalog oder Prospekt zu finden. Lediglich auf den alten Verpackungen der Gebäude ist diese Variante im Hintergrund zu erkennen. Als Chassis kamen hier zwei verschiedene Ausführungen zum Einsatz. Die erste ist identisch mit der des dunkelblauen 901, allerdings statt grau jetzt in schwarz incl. Fahrereinsatz. Da mit der Befestigung des Fahrereinsatzes in der Mitte des Chassis die Hinterachse nur unzureichend in die entsprechende Aufnahme gedrückt wurde, konstruierte Carrera das Chassis um. Eine dritte Befestigung wurde hinter der Hinterachse angebracht, die hier für Abhilfe sorgte. Auch dieses, jetzt allerdings wieder graue Chassis kam beim hellblauen 901er zum Einsatz, was den nach Vollständigkeit strebenden Uni-Sammler in die Verlegenheit bringt, gleich zwei dieser seltenen Modelle auftreiben zu "müssen". Als Produktionszeitraum kann ich leider auch hier nur systematisch raten, 1965/66 erscheint mir hier am wahrscheinlichsten. Für beide Varianten gilt: SK 9.

 

Porsche 901 hellgrün (lindgrün)
Auch dieses Fahrzeug ist wirklich schwer zu finden. Im Carrera Faltblatt von 1967 ist dieses Modell als Zeichnung abgebildet, die die Farbe ziemlich authentisch wiedergibt. Auch im ersten Farbkatalog von 1967/68 ist diese Farbe -hier sogar als Foto- zu finden. Das abgebildete Fahrzeug hat jedoch bereits einen Spiegel, ist demnach also ein 911er. Ein solches Fahrzeug ist mir in diesem Farbton jedoch nicht bekannt. In der 901er Variante hat das Auto das oben beschriebene graue Chassis. Herstellungszeitraum etwa 1966/67. Ob diese Modell vor oder nach dem dunkelgrünen 901er gefertigt wurde, oder auch als Zwischenserie, ist heute wohl kaum nachzuvollziehen. SK 9

PIC

Porsche 901/911 in dunkelgrün
Diese Farbe ist weit häufiger zu finden als die vorangegangenen. Abbgebildet ist diese Farbe in den Carrera Broschüren nach 1965, aber wieder nur als Zeichnung. Der 901er hat das graue Chassis wie bisher beschrieben. Auch der 911er, jetzt mit Spiegel und Schriftzug, wurde mit diesem Unterteil ausgeliefert. Spätere Fahrzeuge weisen jedoch eine erneute Detailänderung des Chassis auf. Hier wurden neben der Heckbefestigung des Fahrereinsatzes zwei Streben hinzugefügt, die für die ebenfalls 1967 ins Programm genommene Polizei-Ausführung als Auflageflche für die Blinkmechanik notwendig wurden. Der 901er dürfte ebenfalls um 1966/67, der 911er 1967/68 produziert worden sein. 901: SK 7 / 911:SK 6

 

Porsche 911 in orange
Der orange 911er ist von den hier behandelten Varianten das häufigste Modell, nicht zuletzt auch, weil es zusammen mit dem Mercedes 230 SL in der größten Grundpackung, der Grand Tourismo, angeboten wurde. Es war von 1968 bis 1970 im Programm und wurde nur mit dem zuletzt beschriebenen Chassis angeboten. Werksabbildungen finden sich in den entsprechenden Katalogen/Prospekten aus diesen Jahren. SK 5

 

Porsche 911 in rot
Nach gegenwärtigem Stand der Dinge ist dieses Modell der Serie als das seltenste anzusehen. Die Existenz dieses Fahrzeugs ist mir erst seit Herbst 1995 bekannt. Die Farbe ist identisch mit dem rot z.B. des Porsche 928. Frühe Prospekte von 65 zeigen zwar einen roten Porsche als Zeichnung, da diese jedoch aus der 901er Zeit stammen, kann nicht davon ausgegangen werden, daß das Fahrzeug in dieser Zeit produziert wurde. Ich gehe davon aus, daß diese Variante zwischen 1967 und 1970 hergestellt wurde, den zum einen handelt es sich ja um die Spiegelversion und zum anderen ist unter der Karosse ist das letzte Chassis montiert. In Sammlerkreisen kursiert die Legende, daß Carrera dieses Modell auch als Standmodell für die Firma Porsche hergestellt hat, die diese dann an Kunden weitergegeben hat. Zwei Fahrzeuge sind mir bekannt, deren Ausführung und Herkunft für die Richtigkeit dieses Gerüchtes sprechen. Also beim Kauf des nächsten Porsche 911 Turbo im Maþstab 1:1 den Händler unbedingt darum bitten, doch mal im Keller nach solchen Schätzchen zu suchen. Bis diese auf dem Markt zu finden sind gilt aber noch SK 10.

PIC Vor dem Erwerb eines 901/911ers zu Liebhaberpreisen sollten einige Punkte unbedingt durchgecheckt werden, um späteren negativen Überaschungen vorzubeugen. Letztlich richtet sich der Preis, den man zu zahlen bereit ist in erster Linie nach dem Zustand des Modells. Alle Varianten haben die gleichen typischen Schwachstellen. Fast schon als Sollbruchstelle sind die B-Säulen zu bezeichnen, die sehr häufig durch- oder angebrochen sind. Auch bei offenbar einwandfreien Säulen ist darauf zu achten, ob diese nicht nachträglich eingeklebt wurden. Zweite Achillesferse der Coupes sind die vier Verschraubungen der Karosserie. Nur zu gern haben Hobbybastler nach erfolgtem Schleiferwechsel vorzugsweise vorne zu lange Schrauben in die Vorrichtungen gedreht, die sich dann durch die Hauben hindurch ihren Weg an´s Tageslicht bahnen. Ein so gequälter oranger 911 ist aus Sammlersicht eigentlich nur noch als Teileträger verwendbar. Bei den selteneren Exemplaren ab Kategorie 8 aufwärts sollte man allerdings schon eher bereit sein, solche Mängel zu akzeptieren. Diese Modelle muß man erst einmal finden!

Ein weiterer typischer Makel ist das "verbeulte" Dach. Auch wirklich ladenneue Autos weisen häufig ein zur Mitte hin eingewölbtes Dach auf. Bei Extremfällen kann man Abhilfe schaffen, indem man das Dach in heißes Wasser eintaucht, anschließend in Form drückt und dann mit kaltem Wasser abschreckt. Aber Vorsicht: Einmal zu heftig gedrückt und schon ist die B-Säule hin. Also besser erst an einem schlechten Exemplar üben, denn ein solcher "Erfolg" kann einem bei einem raren Stück das ganze Wochenende vermiesen.

Die Chassis der späteren Porsche sind eigentlich recht robust. Gibt´s hier doch mal Probleme, findet sich schnell Ersatz. Schwierig bis unmöglich wird es dagegen bei den alten Unterteilen mit nur zwei Einsatzverschraubungen. Oft sind diese am Übergang des Motorträgers zum Heckteil gerissen.. Ein Originalchassis ist hier kaum zu beschaffen. Wer es nicht so genau nimmt, kann sich natürlich mit den späteren Chassis behelfen, denn Montageprobleme tauchen hier nicht auf.

Was die Beschlagteile angeht, so ist die Ersatzteilversorgung hier ausgezeichnet. Alle problematischen Chromteile wie Stoßstangenhörner, Spiegel und Scheinwerfereinfassungen sowie die Scheinwerfergläser selbst sind als Replikateile auf entsprechenden Börsen oder bei Händlern zu akzeptablen Preisen erhältlich. Diese Teile haben einerseits eine hervorragende Qualität, sind aber andererseits auch von weniger geübten Augen als Repliken zu erkennen. Die Chromteile haben einen deutlich intensiveren Glanz als die Originale und den nachgefertigten Scheinwerfergläsern fehlt der leicht gelbliche Schimmer der alten Teile. Die Identifizierbarkeit von Repliken halte ich persönlich keineswegs für einen Mangel, sondern für äußerst wünschenswert, da ein vollständig originales Modell i. d. R. einen höheren Preis rechtfertigt, als ein nachträglich komplettiertes Fahrzeug. Andererseits ist an einige Originalteile einfach nicht dranzukommen, wie z.B. die Spiegel oder Scheinwerfer der Porsche, die bei annähernd jedem gebrauchten Fahrzeug fehlen. Die Repliken stellen hier eine gute Kompromißlsung dar und bieten zudem die Möglichkeit, aus einem günstig erstandenen "Wrack", dessen Substanz o.k. ist, wieder ein ansehnliches und sammelwürdiges Stück zu machen. Händler sollten beim Verkauf aber fairerweise auf evtl. Ersatz aufmerksam machen. Die meist gebrochenen Radkappen sind auch ohne große Probleme aufzutreiben, oft sogar als bereifte Komplettachse.

Leser, die über ergänzende und nachvollziehbare Informationen zu diesem Thema verfügen, sind hiermit aufgerufen, diese mir mitzuteilen, um sie in der nächsten Ausgabe zu veröffentlichen. Insbesondere Info´s zu den roten 911ern als "Give-Away" von Porsche wären interessant aber auch Hinweise auf hier möglicherweise nicht genannte Varianten.

 

Copyright 1997 Henry Smits-Bode

UPDATE: Die in dem Artikel beschriebenen Gerüchte haben sich inzwischen bestätigt. Den 911er gab es in orange, dunkelgrün und rot als Standmodell von Porsche. Bei diesen Modellen ist der Schleifer durch einen Blindstopfen ersetzt worden und die Stoßstangenkanten sowie die Scheibenwischer wurden silber lackiert.