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Carrera Universal Tyrell P34

Henry Smits-Bode

Gäbe es für den Showeffekt WM Punkte, wäre die 76er Grand Prix Saison zweifelsohne an das Team des Charakterkopfes Ken Tyrell gegangen. Ein Formel 1 mit sechs Rädern, wer hätte da noch mithalten sollen?

Natürlich war auch dem Team-Tyrell klar, daß es für einen eindrucksvollen Auftritt allein noch keinen WM-Titel gibt. So waren es dann auch durchaus pragmatische Beweggründe, die Konstrukteur Derek Gardner dazu veranlaßten, einen Paradigmawechsel zu vollziehen und dem 76er Einsatzfahrzeug vier gelenkte Vorderräder mitzugeben. Man versprach sich durch die extrem schmale vordere Spur in Verbindung mit den sehr kleinen, nur 10 Zoll messenden vorderen Felgen eine Verringerung des Luftwiderstandes, konnten doch die Vorderräder voll zwischen Frontspoiler und Seitenkästen integriert werden. Bei seiner Premiere beim Großen Preis von Spanien in Jarama hinterließ der Wagen mit seinen Fahrern Patrick Depailler und Jody Scheckter einen durchaus überzeugenden Eindruck. Beim Grand Prix von Schweden in Anderstorp konnte Tyrell mit diesem extravaganten Fahrzeug mit Scheckter vor Depailler sogar einen Doppelsieg erringen.

Dennoch: In den Titelkampf konnten beide Fahrer trotz einiger Ehrenplätze nicht eingreifen. Zwar belegte Scheckter in der Endabrechnung den dritten Rang in der Gesamtwertung, mit 49 Punkten fehlten ihm aber deutliche 20 Zähler auf den Weltmeister James Hunt im McLaren. Der wiederum profitierte von einer in der Formel 1 Geschichte einmaligen Entscheidung Niki Laudas: Im verregneten japanischen Finale stellte Lauda, bis zu diesem Zeitpunkt mit 3 Punkten WM-Leader, in Runde zwei seinen Wagen an die Box und stieg aus dem intakten Ferrari. Seine Worte: "Mir ist mein Leben wichtiger als die Weltmeisterschaft". Was zunächst unfaßbar erscheint, wird verständlich, wenn man bedenkt, daß Lauda in diesem Jahr seinen Nürburgring-Unfall hatte und nur sehr knapp dem Tode entronnen war.

1977 bestritt der P34 seine zweite Saison. Trotz erheblicher Verbreiterung der vorderen Spur, konnte das Fahrverhalten nicht nennenswert verbessert werden. Zudem gab man mit diesem Zugeständnis den prinzipbedingten Vorteil des geringeren Luftwiderstandes wieder auf, so daß dieses Fahrzeug aufgrund der fehlenden Erfolge in der 78er Saison durch den konventionellen 008 ersetzt wurde.

Auch wenn die sportlichen Lorbeeren eher spärlich ausfielen: Das spektakuläre und damit öffentlichkeitswirksame Erscheinungsbild des P34 war für die Carrera-Truppe offenbar Argument genug, diese Kuriosität auf die Uni-Bahn zu stellen. Was dann ab 1977 mit der Artikelnummer 40410 den Weg in die Spielzeugläden fand, ist auch zweifelsfrei als P34 zu identifizieren, letztlich aber auch nur aufgrund des unverwechselbaren Merkmals der vier Vorderräder. Die Proportionen hingegen sind alles andere als vorbildgerecht, wobei vor allem der viel zu flach ansteigende Bereich vor dem Cockpit erheblich vom Original abweicht. Geradezu dreist erscheint es dabei, daß Carrera das Modell im Aral-Design auf den Markt brachte - das Vorbild wurde seinerzeit mit den Sponsorenlogos des Konkurrenten Elf auf die Piste geschickt!

Nun waren Autorennbahnen zu dieser Zeit aber auch in erster Linie Spielzeug und wurden vornehmlich von den Kindern der damaligen Ära als solches genutzt. Mit der Vorbildtreue wurde es daher oft nicht so ganz genau genommen.. Dem Verkaufserfolg tat das im Falle des Tyrells offenbar keinen Abbruch, denn unabhängig vom Erhaltungszustand betrachtet gehört dieser Typ ganz sicher zu den häufigeren Uni-Modellen, die nicht bereits mit den Startpackungen ausgeliefert wurden. Der Showeffekt leistete scheinbar auch hier seinen Beitrag. Aber der Tyrell, mag er auf den ersten Blick auch unfahrbar erscheinen, hatte auch auf der Piste einiges zu bieten und war überraschend gutmütig um den Kurs zu zirkeln.

Was hier zunächst positiv klingt, bringt für den Sammler in der Gegenwart einen unschönen Nebeneffekt mit sich: Die Tyrells wurden viel gefahren, so daß sich die Anzahl der wirklich gut erhaltenen Exemplare des bis 1980 angebotetenen P34 im Laufe der Jahre arg dezimiert hat. Im Renneinsatz brach oft der Heckspoiler an der Ansatzstelle zum Motorblock und im Frontspoiler sind häufig grobe Ausbrüche zu bemängeln, die das Fahrzeug für den Sammler zu einem Ersatzteilträger degradieren. Daneben sind natürlich bei gebrauchten Autos fast immer die großflächigen Lackpartien in Mitleidenschaft gezogen, was den Tyrell schnell unansehnlich erscheinen läßt. Ein absolut typischer Mangel dieses Formel 1 kann einem geradezu die Tränen in die Augen treiben: Hat man einmal ein auf den ersten Blick schönes Fahrzeug in den Händen muß man bei genauem Hinsehen häufig feststellen, daß im Frontspoiler zu lange Schrauben zur Chassisbefestigung eingedreht wurden, die sich durch den Kunststoff ihren Weg ins Freie gebahnt haben. Mußte einmal der Schleifer gewechselt oder ein Kabel angelötet werden, war die Gefahr groß, beim Zusammenbau die Schrauben zu verwechseln, so daß schnell dieser irreparable Schaden verursacht wurde. Ein ähnliches Problem tritt oft am Schraubloch des Heckspoilers auf, daß leicht in vertikaler Richtung riß, wenn man die Schraube nicht absolut gerade einsetzte oder diese mit zu hohem Kraftaufwand anzog. Als letztes sind noch die hinteren Auspuffhaken im Chassis als typische Schwachstelle zu bemängeln, die sehr häufig abgebrochen sind.

Bedenkt man all´ diese Punkte, wird es gar nicht mehr so leicht, einen wirklich makellosen Tyrell P34 zu finden. Was bei oberflächlicher Betrachtung recht häufig erscheint, stellt den auf Top-Zustand bedachten Sammler somit zwar nicht vor eine unlösbare Aufgabe, etwas Geduld muß man aber meist doch an den Tag legen, um einen wirklich schönen Sechsrad-Tyrell in die Vitrine stellen zu können. Solche Exemplare sind demzufolge auch in etwa in der Seltenheitskategorie SK 5 einzuordnen (SK 1 = sehr häufig bis SK 10 = extrem selten). Für detailverliebte sei noch auf eine kleine Variante verwiesen: Das Sponsorendecal auf dem Frontspoiler gibt es in zwei verschiedenene Größen, wobei die kleine Version auch ohne die seitlichen Aral-Schriftzüge vertrieben wurde. Die kleinen Decals sind etwas schwieriger zu finden, was sich bisher aber nur geringfügig im Marktpreis bemerkbar macht.

Für Carrera geriet die verkleinerte Ausgabe des sechsrädrigen Tyrell ganz sicher zu einem der letzten Bestseller im Uni-Programm. Für das Vorbild hätte hingegen vielleicht die alte Weisheit "weniger ist manchmal mehr" zu größeren Erfolgen geführt.

 

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