Flachmann

Carrera Universal March 707

Henry Smits-Bode

VORABSTAND NOCH OHNE BILDER!!!!

Mut zur Nische, das war es, was die Manschaft um Hermann Neuhierl in den Blütezeiten der Firma Carrera auszeichnete. Ein Porsche 911 war natürlich ein Muß für die Fürther, ein Jaguar E, der Anfang der sechziger Jahre wirklich jedes Titelblatt der Automobilpresse zierte, gehörte ebenso zur Pflicht wie das Vorzeigeobjekt C111 von Mercedes. Über dieses Pflichtprogramm hinaus gönnten sich die Konstrukteure aber zwischendurch immer wieder eine Kür. Zu den daraus resultierenden außergewöhnlichen Modellen, die nicht im Programm jedes Konkurrenten zu finden waren, gehört ganz sicher der March 707.

Die überragenden Rennerfolge des für die amerikanische Can-Am Serie konzipierten Fahrzeugs werden es kaum gewesen sein, die die Fürther bei der Wahl dieses Fahrzeugs inspiriert haben - die gab es nämlich nicht. Von den drei Rennen, in denen der extrem flach und breit wirkende Wagen 1970 an den Start ging, konnte er nur eines beenden. Einmal war es ein technischer Defekt, ein anderes Mal ein leerer Tank, der das Aus bedeutete. Da halfen dann auch keine 730 PS mehr weiter.

Die Modellbezeichnung 707 zeigt an, daß es sich um ein Fahrzeug der 1970er Saison handelt, welches in der Gruppe 7 an den Start ging. Das Carrera Pendant mit der Artikelnummer 40467 ging zunächst mit der authentischen Modellbezeichnung in den Verkauf. Erst später wurde der Slot-Racer in den Katalogen als March Apollo angeboten, meines Wissens eine reine Phantasiebezeichnung, die mit dem realen Vorbild nichts zu tun hat. Premiere des Uni-Modells war 1971, zunächst nur in der heute sehr häufigen goldenen Variante. Erst 1975 kam der unter Sammlern sehr begehrte March-Rennbausatz mit einer dunkelbraunen Karosse auf den Markt. Dieses Fahrzeug mit speziellem Rennchassis, in dem der Motor schräg eingesetzt wurde -ein sogenannter Angle-Winder- verdiente wirklich die Bezeichnung "Renn"-Bausatz, denn Tempo und Handling beeindrucken noch heute.

Berücksichtigt man die damals noch recht eingeschränkten Möglichkeiten der Tiefziehtechnik, ist Carrera mit dem March ein bemerkenswert vorbildgerechter Slot-Racer gelungen. Als Bausatz blieb das Auto bis 1982 im Programm, die Standardversion wurde bereits 1979 aus dem Katalog genommen. Betrachtet man den gegenwärtigen Sammlermarkt, muß die Grundversion des Can-Am Boliden ein echter Bestseller gewesen sein. So zählt er heute zu den häufigsten Uni-Modellen, die keiner Grundpackung beigelegt waren. Dennoch gibt es natürlich auch bei diesem Wagen wieder zahlreiche Varianten, die dem Sammler die Komplettierung seiner Kollektion nicht gerade vereinfachen.

March 707 als Fertigfahrzeug: Wie erwähnt ist dieses Fahrzeug in den Farben gold und braun bekannt. Wer es ganz genau nimmt, kann bei der erstgenannten Farbgebung noch zwischen einem hellen und einem deutlich dunkleren Farbton unterscheiden. Auch die braune Version ist in einer rötlichen und einer eher ins anthrazit reichenden Nuance bekannt. Wirklich durchgesetzt hat sich diese Differenzierung unter Liebhabern aber bislang nicht, weshalb dieses Thema im folgenden nicht vertieft wird. Der goldene 707 ist maximal in der Seltenheitskategorie SK 3 anzusiedeln. Ansehnliche Exemplare sind wirklich leicht aufzutreiben. 100%ig makellose Exemplare sind aber auch hier nicht ganz so einfach zu besorgen. Fast immer zeigen gefahrene March Risse an den Heckkanten oder durch Feindberührung verursachte Risse an den vorderen Einsteckschlitzen für den separat eingesetzten Spoiler. Gleiches gilt natürlich auch für die braune Variante, die ohnehin ungleich schwerer zu bekommen ist. Einige Sammler hatten lange Zweifel, ob es dieses Auto überhaupt serienmäßig so gegeben hat, oder ob hier einfach Bausatzkarossen umgesteckt wurden. Zahlreiche absolut glaubwürdige Berichte über Ladenfunde Ende der Achtziger lassen aber den Schluß zu, daß es sich hier tatsächlich um originale Werksmodelle handelt. Dennoch muß hier eine kleine Einschränkung gemacht werden: Anfang der 90er Jahre kam ein großer Posten bestehend aus Ersatzteilen und Karosserien aus Österreich auf den deutschen Markt. Unter dieser Lagerauflösung befanden sich auch zahlreiche braune March Karosserien. Mangels Rennchassis wurden diese Aufbauten von dem damaligen Käufer größtenteils auf Standardchassis verbaut. Zu erkennen ist ein Teil dieser Fahrzeuge heute an den silbernen Motordistanzhülsen aus Metall, die extra für diese Aktion angefertigt wurden. Man mag es kaum glauben, aber zu diesem Zeitpunkt waren diese Teile tatsächlich Mangelware. Aus diesem Posten dürften vermutlich mehr braune 707er auf den Markt gelangt sein, als heute neuwertige Werksfahrzeuge in den Sammlervitrinen stehen. Trotz dieser kleinen Anekdote ist der braune March wesentlich seltener als die oben beschriebene Ausführung und in etwa in die SK 7 einzuordnen.

March 707 als Rennbausatz: Dieses Fahrzeug hat für die Liebhaber heute seinen ganz besonderen Reiz. Nüchtern betrachtet handelt es sich hier zwar nur um einen Haufen ordentlich verpackter Ersatzteile, wir Sammler aber sehen mit der Lupe nach, ob auch ja kein Schraubloch jemals von der vorgesehenen metallenen Spirale entweiht wurde und sprechen einem einmal zusammengesetztem Racer nur noch einen Wert von maximal 50% im Vergleich zu einem wirklich jungfräulichen Bausatz zu. Das man bei unbeteiligten Zeitgenossen dann und wann auf Unverständnis stößt, muß man da wohl in Kauf nehmen. Zu allem Überfluß gibt es auch innerhalb der Rennbausätze noch erhebliche Unterschiede. Als erste Variante wäre die Version mit blauem Chassis zu nennen, die in absolut fabrikneuem Zustand am unteren Ende der SK 8 anzusiedeln ist. Von diesem Modell sind zudem noch zwei verschiedene Schachteleinsätze bekannt, bei denen sich der frühere dadurch unterscheidet, daß er über kein separates Fach für den Vorderachsträger verfügt. Richtig rar ist der March-Bausatz mit rotem Rennchassis, der unabhängig von den beiden Versionen mit goldener oder brauner Karosserie in der höchsten Kategorie SK 10 eingeordnet werden kann. Bei diesem Fahrzeug sollte man als Sammler nicht auf ein ungebautes Exemplar warten, denn es ist schon extrem schwierig, ein ansehnlich erhaltenes gebrauchtes Auto zu finden. Theoretisch ist das Modell mit der goldenen Karosserie niedriger zu bewerten, in der Praxis sieht es aber so aus, daß dieses Highlight ohnehin nur im Tausch die Sammlerhände wechselt. Zentraler Faktor ist das Chassis, der Aufbau spielt da eher eine untergeordnete Rolle.

Zu den Rennchassis bleibt noch zu sagen, daß auf private Initiative schwarze Fahrgestelle gefertigt wurden, die die Wünsche der Fahrer nach einem "heißen" Fahrwerk zum reuelosen Heizen befriedigen sollten. Um falschen Hoffnungen vorzubeugen: Die anfälligen schrägverzahnten Zahnräder gibt es heute nicht als Nachfertigung. Zudem ist in der inzwischen weithin bekannten Carrera-internen 1997er Repro-Serie des Hauses ein rotes Chassis entstanden, welches sich aber in Farbton und Materialbeschaffenheit klar von dem Original unterscheidet.

Neben den genannten häufigen Karosseriemängeln an Front und Heck muß man vor dem Kauf eines March, wie bei jedem Lexan-Auto, vor allem die Karosserieaufnahmen in Augenschein nehmen, die bei diesem Modell aber erstaunlich widerstandsfähig sind. Zudem sind die Zapfen des Chassis häufig gebrochen, was bei dem Standardmodell weniger gravierend ist, bei einem gebauten Bausatzauto aber zu weiteren deutlichen Preisabschlägen führt. Montierte Kit-Autos sind unbedingt auf Vollständigkeit zu prüfen, da die Motorhalter nicht selten fehlen und durch selbstgebastelte Teile ersetzt wurden. Unmontierte Bausatzkarossen neigen durch die fehlende Stabilisierung durch den Unterboden dazu, sich extrem nach innen zu verziehen. In Einzelfällen kann das sogar Risse nach sich ziehen, obwohl es sich um neue Modelle handelt. Es ist daher unbedingt zu empfehlen, die Karosserie z. B. mit einer passenden Pappschachtel o. Ä. zu stabilisieren, um destruktiven Verzug zu vermeiden!

Technische Mängel wie beim Original sind bei Carreras March 707 nicht zu befürchten. Und ein Exemplar, welches aufgrund von Spritmangel liegengeblieben wäre, ist bislang auch noch nicht bekannt geworden...

 

Copyright 1999 Henry Smits-Bode

UPDATE: -