Der mit dem Golf tanzt

Der Megaseller von Volkswagen für die Uni-Rennbahn

Henry Smits-Bode

Golf

Als Volkswagen Anfang der 70er Jahre vor dem Problem stand, einen legitimen Nachfolger für den legendären Käfer zu entwickeln, war dies wirklich eine große Aufgabe. Schließlich ging es darum, das Standbein des Unternehmens zu ersetzen. Ein Flop hätte verheerende Auswirkungen haben können. Was VW dann im Mai 1974 mit dem Golf auf den Markt bringt, war nicht weniger, als der Grundstein einer neuen Kategorie des Automobilbaus: Die Kompaktklasse. Dieses eigentlich recht unscheinbare Vehikel sollte in den Folgejahren den Markt anführen und Vorbild für zahllose Nachahmer sein.

Dabei stammt die kantige Ur-Form des Golf von einer der ersten Adressen für Automobildesign. Kein geringerer als Giorgetto Giugiario, der zuvor italienische Sportwagenträume wie Maserati Ghibli, Maserati Bora oder De Tomaso Mangusta Realität werden ließ, entwarf das Blechkleid des eher nüchtern anmutenden Wolfsburgers. Der Mann muß sich sehr zurückgehalten haben. Der Prototyp der Niedersachsen war allerdings auch nicht gerade ein Schneewittchen, sondern strahlte eher die hinreißende Ästhetik einer Waschmaschine aus. Der spätere Peugeot 104 sieht diesem Versuchsträger durchaus ähnlich. Dennoch wurde das Auto zum absoluten Erfolgsmodell, denn Zweckmäßigkeit und Fahreigenschaften überzeugten einfach.

Golf“Was für unsere Straßen taugt kann für die Modellrennbahn doch nicht schlecht sein?!” müssen sich die Carrera-Werker gedacht haben, als sie 1976 Deutschlands Autoliebling etwa zeitgleich mit der Serienreife der GTI-Version in das Universal-Programm aufnahmen. Doch - es kann! Sehr schlecht sogar, denn die erste Variante des Uni Modells mußte schon nach kurzer Zeit überarbeitet werden. Die hohe Karosserie des Modells führte zu einem sehr hohen Schwerpunkt , woraus in Verbindung mit dem kurzen Radstand und dem im Maßstabsvergleich etwas zu schmal geratenen Chassis eine extreme Kippneigung des Autos resultierte. Kurve 0 innen zu durchfahren gleicht einem Balanceakt, denn das Fahrzeug hat eigentlich keinen Grenzbereich: Er kippt oder er kippt nicht, aber sauber driften ist kaum drin. Das Fahren mit Carreras Golf gleicht insofern wirklich einem Tanz - aber auf Eiern. Um dem Slot-Racer diese Unart abzugewöhnen, wurde das Chassis modifiziert, indem beidseits des Motors Gewichte montiert wurden. So konnte man dann zwar etwas schneller die Kurven meistern, dafür waren Beschleunigung und Endgeschwindigkeit aufgrund des höheren Gesamtgewichts geringer. Zudem blieb der enge Grenzbereich weitgehend unverändert. Hinsichtlich seiner Fahreigenschaften wurde der Uni-Golf seinem Vorbild folglich überhaupt nicht gerecht. Allerdings kann gerade diese Eigenart des Modells Spaß machen, wenn man mit mehreren dieser Eierläufer ein Rennen austrägt.

Grüner GolfDer Carrera Katalog von 1976/77 zeigt den Golf in einem hellen Grün. Um diese Stück ranken sich immer wieder Gerüchte. Wohl jeder Sammler kennt einen, der einen kennt, dessen Bekannter einen haben soll. Wirklich bewiesen ist die Existenz dieses Exemplars jedoch nicht. Dieses Fahrzeug ist nie in größeren Stückzahlen produziert worden. Es ist denkbar, daß das abgebildete Fahrzeug lediglich lackiert ist, eine Praxis, auf die Carrera manchmal für Katalogaufnahmen zurückgriff. Wird einem Sammler so ein Modell angeboten, stellt sich natürlich die Frage nach der Authentizität. Zweifel sind bei einem nicht durchgefärbten Kunststoff auf jeden Fall angebracht. Sollte ein Leser nicht nur einen kennen, der einen kennt ... , sondern ein zweifelsfrei echtes Exemplar besitzen, bittet die um Nachricht.

Folgende Ausführungen des Golf sind bekannt:

VW Golf in orange / schwarzes Dach
Diese Modell war von 1976 bis 1979 im Programm. Die erste Serie hat ein Chassis ohne die beschriebenen Gewichte und somit auch ohne die hierfür notwendigen Schraublöcher. Diese Variante ist etwas schwieriger zu finden, als die modifizierte. Mit etwas Geduld läßt sich aber zumindest ein Trümmer mit intakter Bodenplatte auftreiben, der dann komplettiert werden kann. Innerhalb der Seltenheitskategorien (SK) für sammelwürdige Autos von SK 1 (=häufig) bis SK 10 (=extrem selten) sind beide Versionen etwa bei SK 4 einzuordnen.

VW Golf ADAC
Ein Jahr später wurde das Programm durch den gelben ADAC Golf ergänzt, der bis 79/80 im Katalog zu finden war. Auch dieses Fahrzeug ist relativ einfach z.B. auf den bekannten Börsen zu bekommen, so daß auch hier SK 4 angemessen erscheint.

VW Golf AvD
Ganz anders sieht es mit dem zeitgleich produzierten roten AvD Golf aus. So wie der ADAC weitaus mehr Mitglieder als der AvD hat, so scheint die Häufigkeit der Modelle diese Verteilung zu repräsentieren. Vollständige und mit makelloser Lackierung erhaltene AvD Golf sind wirklich rar. Besonders das ständig fehlende oder abgebrochene Dachschild bereitet Probleme. Für gute Fahrzeuge gilt daher SK 7.

GolfNeben den offensichtlichen Mängeln wie Lackabschürfungen, grobe Brüche, fehlende Teilen usw. sollten allgemein bei allen Typen vor dem Kauf die hinteren Radläufe inspiziert werden, deren hintere Spitzen häufig ausgebrochen sind. Manchmal werden diese Bruchstellen auch kosmetisch geschönt, indem die Kanten gerade geschliffen werden. Problematisch sind auch die unteren Ecken im Front- und Heckbereich, die durch “Feindberührung” schnell brechen, wodurch leicht klaffende Risse entstehen, die den Wert deutlich mindern. Daneben sind bei den beiden mit Gelblichtattrappen versehenen Einsatzfahrzeugen die Dachbereiche genau zu untersuchen. Auch hier bilden sich oft Risse rund um das Loch für das Leuchtenimitat. Fehlende Gelblichter sind leicht zu bekommen, ebenso wie die Antennen, die bei gebrauchten Fahrzeugen meist fehlen. Diese Mängel sind also kein

Grund, von einem Kauf eines sonst guten Fahrzeuges abzusehen. Nur beim AvD Golf sollte man sich im Klaren sein, daß ein originales Dachschild faktisch nicht zu bekommen ist.

Letzter Schwachpunkt der Golf-Modelle ist das Chassis, dessen Achillesferse am Übergang Motorträger / Hinterachsträger zu finden ist, der gerne bricht. Auch der Motor-/Hinterachshalter, der hier aus einem Teil besteht, ist häufig durch zu stark angezogene Schrauben ober zu hohen Druck auf die Achse zerstört. Diese Halter sind aber auch in einigen anderen Fahrzeugen montiert und daher problemlos austauschbar.

Ergänzende Informationen zu diesem Thema -z.B. bezüglich des grünen Golf- sind wie immer willkommen.

 

Copyright 1997 Henry Smits-Bode

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