Fahrmaschine

Carrera Universal Go-Cart

Henry Smits-Bode

Ein wesentliches Merkmal der Carrera-Modellpolitik war die unglaubliche Vielfalt der angebotenen Modelle. Alles was mit Rädern und Motor auf Asphalt rollte, fand sich auch für die Schlitzpiste in den umfangreichen Carrera.Katalogen wieder: LKW, Zivilfahrzeuge, alle Größen des Motorsports, Prototypen und Motorräder. Da war es nur konsequent, auch die Einsteigerklasse des Motorsports im kleinen Maßstab wiederzugeben: Die Go-Carts.

Ob Carreras Miniatur einem realen Vorbild nachempfunden wurde oder der stilistischen Kreativität der Hausdesigner entsprungen ist, entzieht sich der Kenntnis des Autors. Mit dem Thema Go-Cart hatten sich die Fürther jedenfalls schon zu Beginn der sechziger Jahre befaßt. In der Baukastenserie "Struxy" wurde bereits ein solches Fahrzeug angeboten. 1972 wurde die Idee wieder aufgegriffen und ein Slot-Cart wurde bis 1977 in das Programm aufgenommen. Die Abweichungen des im 1972er Prospekt gezeigten Carts vom späteren Serienmodell, sind wahrscheinlich auf eine nicht termingerechte Fertigstellung des Fahrzeugs zurückzuführen, so daß hier improvisiert werden mußte. Jedenfalls ist die hier gezeigte Variante mit chromfarbenen Rammschutz und großer Startnummer nicht bekannt.

Vom Maßstab 1:32 kann bei diesem Modell nicht die Rede sein. Auch vom großen System 1:24, für das das Cart ein Jahr später mit geringen Änderungen auf die Piste ging, ist der Flitzer weit entfernt. Tatsächlich dürfte es sich um eine ca. zwölffache Verkleinerung handeln. Damit paßt das Modell zwar nicht zu den anderen Fahrzeugen der beiden Systeme, aber wer fährt auch schon mit einem Go-Cart gegen einen Porsche 911RSR? Dem Spielwert tat die Tatsache, das man sich nicht sklavisch an das Diktat der Maßstäblichkeit gehalten hat, auf jeden Fall gut. Dennoch trägt vor allem die hoch bauende massive Fahrerfigur dazu bei, daß das Fahrverhalten des Carts nicht mit den großen Rennern vergleichbar ist, die ja sprichwörtlich auf der Piste kleben. Zu hoch ist der Schwerpunkt und damit das Kippmoment der Miniatur. Ein hohler Körper hätte hier sicher bessere Ergebnisse erzeugt.

Der optischen Gefälligkeit tut das aber alles keinen Abbruch, und die ist heute bei den Sammlern weit wichtiger als die Straßenlage. Was man als Sammler heute eher vermißt, ist ein geeignetes Pendant um ein attraktives Pärchen auf die Kunststoffbahn bzw. in die Vitrine stellen zu können. Hier hat Fleischmann mit seinen verschiedenen Varianten, die schöne Kombinationen ermöglichen, eindeutig bessere Arbeit geleistet. Eigentlich untypisch für die Fürther, die sonst fast jedem Modell ein passendes Gegenstück zur Seite stellten. Zwar sind heute zwei verschiedenfarbige Fahrerfiguren bekannt - in blau und orange- ob diese Varianten aber auch wirklich als Alternative zeitgleich in den Regalen der Spielzeugläden standen oder die orange Version nur kurzzeitig als Zwischenserie angeboten wurde ist unklar. Die Tatsache, das die orangen Fahrerfiguren insbesondere für die Universal-Bahn heute erheblich schwerer zu finden sind, spricht eher für letztgenannte Annahme. Für detailverliebte Liebhaber bieten sich heute jedoch genügend Möglichkeiten, Ihren Jagdtrieb mit der Suche nach verschiedenen Varianten zu befriedigen:

Go-Cart mit blauem Fahrer: Grundsätzlich können hier zwei Typen unterschieden werden. Zum einen gibt es diese Ausführung mit einem schmalen Motor, wie er z. B. auch aus dem Spaghetti Ferrari bekannt ist, zum anderen gibt es dieses Modell auch mit dem breiten Bühler-Motor, der die meisten Universal-Fahrzeuge antreibt. Mit den verschiedenen Aggregaten geht eine entsprechende Abweichung des Chassis einher. Bei dem breiten Antrieb zeigt die Bodenplatte des Aufbaus in etwa ab Sitzhöhe eine Verbreiterung, die notwendig wurde, um das größere Teil aufnehmen zu können. Zugleich zeigt der seitliche Rammbügel bei der breiten Ausführung nicht die Aussparung des schmalen Fahrzeugs, sondern ist massiv gefertigt. Sehr wahrscheinlich wurde diese Variante ab 1973 mit der Übernahme des Carts in das 124er Programm angeboten, für die der kleine Motor nicht geeignet gewesen wäre. Es handelt sich hierbei nur um eine Annahme, jedoch spricht die Tatsache, das die schmale Version heute etwas schwerer zu finden ist, für diese Vermutung. Für beide Varianten erscheint die Seltenheitskategorie SK6 angemessen.

Go-Cart mit orangem Fahrer: Dieses Modell ist bedeutend rarer und nur in der breiten Version bekannt. In Carrera-Katalogen taucht es in der Universal-Serie nie auf -nur 124er Katalogseiten zeigen dieses Modell in dieser Farbgebung- aber dennoch bezeugen zweifelsfrei "verbriefte" Ladenfunde, daß Carrera auch im kleinen Maßstab das orange Cart anbot. Ganz sicher wurden viele der heute in den Vitrinen stehenden Carts mit dem Fahrer des "großen" Carts umgebaut oder einfach auf Universal umgerüstet, was oft daran zu sehen ist, das noch der silberne Motor der großen Serie im Chassis steckt. Für den Puristen ist das natürlich nichts, aber bei konsequent umgerüsteten Carts ist der Umbau auch für den Kenner letztlich nicht mehr nachzuvollziehen. Da diese Ausführung aber auch im großem Maßstab zu den gesuchten Pretiosen zählt, muß man keine Angst haben, hier für "Pfusch" zuviel Geld zu bezahlen. Die Preise beider Systeme unterscheiden sich nämlich kaum.

Anders als das blaue Fahrzeug, welches nur mit rotem Fahrerhelm angeboten wurde, gab es das orange Modell als Uni-Version auch mit blauem Kopfschutz. Bei den 124ern ist auch ein gelber Helm bekannt, ob dieser aber auch in unserem Maßstab vertrieben wurde, ist nicht klar. Unabhängig von diesen Details ist das orange Cart in etwa in der SK 8 anzusiedeln.

Wie so viele Modelle hat auch das Go-Cart einige typische Schwachstellen. Häufig fehlt der eingesteckte Benzinkanister oder er wurde durch eine Replik ersetzt, die aber -anders als das cremeweiße Original- verchromt ist. Auch die weiteren Beschlagteile wie Motor und Auspuff fehlen oft. Repliken sind auch hier am deutlich intensiveren Glanz leicht zu erkennen. Daneben ist der vordere Schutzbügel sehr häufig beschädigt oder fehlt ganz. Vorsicht! Hier werden schon mal selbstmodellierte Ersatzteile eingesetzt, was aber bei genauem Hinsehen schnell zu enttarnen ist.

Keine wirkliche Beschädigung aber ästhetisch doch sehr störend ist der bei gebrauchten Modellen fast immer in Mitleidenschaft gezogene Fahrerhelm, der bei einem "Abflug" von der Piste zu oft seine undankbare Aufgabe wahrnehmen mußte. Farbabschürfungen sind die Konsequenz des harten Renneinsatzes. Viele Helme wurden nachträglich wieder lackiert, um diesen Schönheitsfehler zu kaschieren. Das ein so "restauriertes" Cart preislich deutlich unter einem 100%ig originalen Exemplar rangiert, bedarf wohl keiner weiteren Erläuterung. Die wenigsten "Künstler" treffen bei diesem Eingriff aber den korrekten Farbton, zudem hat das Original einen ganz besonderen seidenmatten Glanz. Bei einem Modell, welches ansonsten klare Gebrauchsspuren zeigt, dessen Helm aber neuwertig erscheint ist somit Skepsis angebracht. Zudem sind auch hier Repliken erhältlich, was die Sache für den Einsteiger nicht gerade einfacher gestaltet. Auch die Startnummern sind hier einen Blick wert: Da die originalen Decals ebenfalls oft Gebrauchsspuren zeigen, wird hier schon mal gerne zu Nummern der Decalbögen von Carrera bzw. deren Nachfertigungen gegriffen, welche daran zu erkennen sind, daß sie aus Hintergrundpunkt und Nummer bestehen, also zweiteilig sind.

Die letzten Ausführungen zeigen exemplarisch die Misere, zu der die inzwischen zahlreich angebotenen Replikateile führen: Für den Fahrer mögen sie ein Segen sein, da man mit ihnen aus schlechten und damit günstigen Fahrzeugen verhältnismäßig günstig an ein ansehnliches Modell kommen kann. Für den Sammler sind sie eher ein Fluch, da es heute schon etwas Erfahrung braucht, um Original und "Fälschung" auseinanderzuhalten. Mit etwas "Übung" ist die Unterscheidung in aller Regel recht leicht, aber potentielle Hobbyeinsteiger werden unter Umständen abgeschreckt, da sie sich als Anfänger diese Differenzierung nicht zutrauen. Und der Sammler besteht typischerweise auf authentische Teile und möchte nicht für Dinge bezahlen, die außer der äußeren Form nichts mit der Firma Carrera zu tun haben. Wer würde schon Carrera sammeln, wenn man jedes Teil problemlos im benachbarten Spielzeugladen erwerben könnte? Der Weg ist das Ziel! Am hier gezeigten Beispiel Go-Cart würde die komplette Ausrüstung mit den bekannten Replikateilen statt der echten Originalteile einen Preisabschlag von ca. 60% rechtfertigen! Von einem wirklichen Sammlerstück wäre so ein Exemplar aber immer noch weit entfernt. Aufgrund des beschriebenen Sachverhaltes wird im Kleinanzeigen der COL mit den Zustandsbeschreibungen ein neues Kürzel eingeführt. Ab sofort werden alle Inserenten gebeten, auf die Verwendung von Replikateilen mit dem Zusatz "/r" hinzuweisen. Mit dieser Maßnahme soll Enttäuschungen vorgebeugt werden und mehr Transparents in den Markt gelangen. Wollen wir Einsteigern nicht von vornherein den Spaß an der Sache verderben, ist diese Offenheit sicher ein geeignetes Mittel.

Wer jetzt vor Schreck zu seiner Vitrine schreitet, um seine Carts noch mal genau unter die Lupe zu nehmen, sollte aufpassen, daß ihm der Tank nicht aus der Halterung fällt. Bei Verlust bleibt sonst nur noch der Griff zur ungeliebten Replik...

 

Copyright 2000 Henry Smits-Bode

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