Universum Universal

Die Geschichte der Universal

Henry Smits-Bode

Carrera 132 Universal - ein nahezu unerschöpfliches Thema. Dennoch wurden die Liebhaber dieses Rennbahnsystems in dieser Zeitschrift bisher eher stiefmütterlich behandelt. Ein Blick in die Kleinanzeigen genügt jedoch, um festzustellen, daß ein Großteil der Leser gerade diese Modelle zu seinem Sammelgebiet auserkoren hat oder sie in Kombination mit anderen Herstellern und Maßstäben in die Kollektion einfließen läßt. Um diesem, für ein relativ kleines Medium wie die COL wichtigen Leserkreis in Zukunft gerecht zu werden, erscheint an dieser Stelle ab sofort eine regelmäßige Rubrik zu diesem Thema.

Beabsichtigt wird eine auf zusammengehörige Autotypen bezogene Darstellungsform, also beispielsweise die Beschreibung der Porsche 911 SC Varianten oder die Vorstellung der Hartplastik - Can - Am Serie. In erster Linie möchte ich mit dieser Rubrik Neueinsteigern und Sammlern, die erst am Anfang ihres Sammlungsaufbaus stehen, eine Möglichkeit geben, sich einen Überblick über die enorme Typen- und Variantenvielfalt der Universal-Fahrzeuge zu verschaffen. Zu jedem Modell werden, angereichert durch Abbildungen, alle mir bekannten Unterscheidungsmerkmale und Besonderheiten aufgeführt. Die dabei berücksichtigten Details dürften auch dem ein oder anderen langjährigen Uni-Liebhaber etwas neues bieten und so zur Erweiterung seiner Kenntnisse beitragen. Für den Neuling wird zudem für jedes Modell eine “Checkliste” erstellt. Hier werden die für den jeweiligen Fahrzeugtyp typischen Beschädigungen genannt, auf die die Modelle vor dem Kauf geprüft werden sollten, um spätere böse Überraschungen zu vermeiden. Auch mir passiert es nach fast zehnjähriger Beschäftigung mit diesem Thema und mehreren hundert zerlegten und wieder zusammengesetzten Autos in der anfänglichen Hektik einer Börse wie der Slotmania immer noch, daß ich den gebrochenen Befestigungszapfen der Motorattrappe eines Porsche 936 übersehe oder mich über den günstig erstandenen Lancia Stratos freue, den meine Freundin dann während meiner stolzen Präsentation nach dem ersten Blick mit den Worten “für´n Servo-Umbau nicht schlecht” kommentiert. Um solche ganz persönlichen “Börsencrashs” zu vermeiden ist es hilfreich, das Fahrzeug systematisch nach den bekannten Macken zu durchleuchten, wofür diese Checkliste als Hilfsmittel dienen soll. Gleichzeitig werden auch einige annähernd unvermeidbare Beschädigungen genannt, die der Sammler i.d.R. in Kauf nehmen muß. Beispielhaft sei hier auf den leidlich bekannten BMW-Riß oberhalb der Motorhaube fast aller 3,0 CSL Modelle verwiesen. Unter Sammlern herrscht allgemeiner Konsens darüber, daß dieser kaum wertmindernde Wirkung ausübt. Dem Anfänger wird so die Einordnung dieser Beschädigungen ermöglicht und dem Anbieter die oftmals notwendige Überzeugungsarbeit erspart. Zusätzlich wird erläutert, woran auch der Laie die bekannten Replikakarossen erkennt, so daß ihm die Angst, auf ein evtl. “gefälschtes” Exemplar hereinzufallen genommen werden kann.

Da die Detailvielfalt der Fahrzeuge nahezu unüberschaubar ist und ich die Weisheit leider auch nicht mit Löffeln gegessen habe, wird es mit Sicherheit vorkommen, daß der einzelne in dem ein oder anderen Artikel ihm bekannte Abweichungen vermißt, die vielleicht erwähnenswert gewesen wären. Aus diesem Grunde wird nach dem ersten “richtigen” Beitrag in der nächsten COL-Ausgabe ein themengebundenes Forum eingerichtet, in dem jeweils bezogen auf die vorangegangenen Fahrzeugtypen Anmerkungen, Ergänzungen oder Fragen an mich oder die Redaktion gerichtet werden können. Wir sind für jede konstruktive Kritik und jeden Kommentar offen und dankbar! Auch Wünsche und Vorschläge für die endgültige Gestaltung der Rubrik werden - sofern sie von den geschilderten Vorstellungen abweichen - gern entgegengenommen. Aus Termingründen bitten wir, diese Möglichkeit spätestens bis zum 10.02.1997 wahrzunehmen.

Auf die Angabe von Sammlerpreisen für die Modelle wird verzichtet. Einerseits haben wir uns dazu entschlossen, da die Vergleichbarkeit der Preise untereinander nicht gewährleistet wäre, da die Fahrzeuge ja zu verschiedenen Zeitpunkten behandelt werden. Andererseits existiert zu diesem Zwecke bereits eine jährlich aktualisierte Liste, die über den Carrera Hobby Club (Benzerath), Meister´s Service Dienst und bei mir erhältlich ist. Hier findet der Einsteiger einen Leitfaden, der ihm einen ungefähren Anhaltspunkt für den Wert seiner Modelle liefert. Anstelle der Preise wird hier jedoch eine Einordnung in Seltenheitskategorien erfolgen, die dem potentiellen Käufer signalisiert, ob man bei dem betreffenden Exemplar sofort zugreifen sollte, oder doch lieber ein günstigeres oder besser erhaltenes Exemplar abwartet.

Das Ende der Neuhierl Ära
Soviel zu den zukünftigen Artikeln! Aber wie sah es in der Vergangenheit aus? Wie wurde Carrera zu dem was es noch heute ist: Zu dem Synonym für Autorennbahnen in Deutschland? Warum wurde das ehemals so erfolgreiche Autorennbahnsystem Carrera 132 Universal eingestellt? Ein kurzer Abriß der Firmengeschichte soll diese Entwicklung aufzeigen.

1930 wurde der Betrieb von Josef Neuhierl in Fürth unter dem Firmenzeichen JNF gegründet. Gegenstand der Firma war die Herstellung von mechanischen Blechspielzeugautos, z.T. nach realen Vorbildern und mit zahlreichen Funktionen versehen. Ab Mitte der 50er Jahre wurden zusätzlich zu den Blechspielzeugen unter Anwendung neuer technologischer Möglichkeiten erstmals Kunststoffmodelle gefertigt. 1963 brachte Neuhierl die erste deutsche Modellautorennbahn unter dem Markennamen Carrera heraus, mit der die Firma zu einem international operierenden Unternehmen aufstieg. In der Anfangszeit wurde diese Rennbahn unter der Bezeichnung Carrera System vertrieben, erst 1967 erscheint erstmals mit der Einführung der Carrera 124 die Bezeichnung Carrera Universal. Diesen Namen trägt die Bahn aber nur z.T. zu recht, denn das einzigartige Dreileiter-System macht das Schienensystem inkompatibel zu den auf Zweileiterbetrieb ausgerichteten Fahrzeugen anderer Hersteller. Nur aufwendige Umbaumaßnahmen führen zu befriedigenden Ergebnissen, indem der Schleifer des Uni-Systems in das Fremdfahrzeug implantiert wird. Die alternative Variante, die Schienen einfach zu Zweileitern umzufunktionieren ist zwar machbar, führt aber zu enormen Strombürstenverschleiß. Die Spiel- und Ausbaumöglichkeiten hingegen machen dem Namen hingegen alle Ehre: Entgegengesetztes Fahren, drehen der Fahrzeuge durch Powerslide, Betrieb von zwei Fahrzeugen auf einer Spur und zehnspurige Ausbaumöglichkeit der Strecke - solche Features suchte man woanders vergeblich. So beherrschte Carrera in der Folgezeit den deutschen Markt und konnte Konkurrenten wie Märklin, Fleischmann oder Stabo deutlich auf Distanz halten. Der Name Carrera wurde in Deutschland zum Synonym für Autorennbahnen. Noch heute liegt der Wert für die Markenbekanntheit über 90%! Ein Wert, den sogar Markenklassiker wie Tempo-Taschentücher oder Pril nicht übertreffen. Für uns Sammler bedeutet das, daß auf jede Suchanzeige mindestens drei Rückmeldungen eingehen, in denen uns die Besitzer ihre Versandhaus-Autorennbahn als “garantiert original Carrerabahn” andrehen wollen. Die anschließende Enttäuschung vor Ort nach 25 km Fahrt hat wohl jeder schon einmal erlebt.

Mitte der 70er Jahre wurden in Erwartung eines weiteren Booms mit der Erstellung eines neuen Firmengebäudes auch die Produktionskapazitäten deutlich erhöht. Aus heutiger Sicht muß diese Entscheidung als der Anfang vom Ende angesehen werden. Es handelte sich hierbei um eine völlige Falscheinschätzung des Marktes, die zu der folgenschweren strategischen Fehlentscheidung der Kapazitätsausweitung führte. In der Folgezeit führten nämlich der Pillenknick und die zunehmende Konkurrenz durch elektronisches Spielzeug zu einem stark nachlassenden Interesse an Modellautorennbahnen. Zumindest die nachlassende Geburtenrate wäre durch eine kompetente Unternehmensführung vorhersehbar gewesen. Hermann Neuhierl, Sohn des Firmengründers und inzwischen Leiter des Unternehmens, war begnadeter Bastler und Tüftler - aber seine kaufmännischen Qualitäten reichten für die Führung eines so großen Unternehmens nicht aus. Ein Management existierte nicht, Produktionsentscheidungen und Preisgestaltung basierten mehr auf dem Gefühl der Inhaber, als auf seriösen Kalkulationsgrundlagen, Arbeitspläne gab es nicht. Handmuster wurden gefertigt, auf Messen hinter vorgehaltener Hand den Kunden gezeigt und dann wurde einfach drauflos produziert. Anschließend wurden ständig kleine Veränderungen vorgenommen. Uns Sammler mag die daraus resultierende Vielfalt erfreuen, aus ökonomischer Sicht sind diese kostenintensiven Detailänderungen jedoch schlicht als unwirtschaftlich zu bezeichnen. Ebenso verhält es sich mit der Ausweitung der Angebotspalette auf insgesamt sechs verschiedene Systeme im Jahre 1979, die sich auf drei Servobahnen und drei spurgebundene Systeme in verschiedenen Maßstäben erstreckten. Die Kundschaft war mit dieser Menge überfordert und der Spielzeughandel verärgert. Kaum ein Händler hatte das Potential sich alle sechs Rennbahnen vollständig auf Lager zu legen. Lieferengpässe und daraus resultierende Kundenunzufriedenheit waren die logische Folge, da Carrera mit der Produktionsplanung nicht zurechtkam.

Die Verbindung von hohen Überkapazitäten, nachlassender Nachfrage, übertriebener Programmvielvalt und mangelnder Flexibilität der Unternehmensführung führten letztlich zu dem, was einem als Außenstehenden unbegreiflich erscheint: Der Marktführer Carrera ging im Februar 1985 in Konkurs. Auch die von Carrera Anfang der 70er Jahre zusätzlich ins Programm genommenen funkferngesteuerten Auto-, Schiffs- und Flugmodelle konnten daran nichts ändern, obwohl dieser Markt zu dieser Zeit regelrecht boomte. Die Firmen Graupner und Robbe hatten hier jedoch das Sagen und technisch konnten die Carrera-Modelle mit diesen Anbietern nicht mithalten. 1984 war der Jahresumsatz von einst 70 Millionen DM Mitte der 70er Jahre auf nur noch 14 Millionen DM gesunken, statt ehemals 500 Mitarbeitern werkelten nur noch knapp über 100 Beschäftigte in den Carrera-Hallen. Zu diesem Zeitpunkt war eigentlich schon alles zu spät. Banken stellten sich quer, Unternehmensberater staubten noch schnell ihre großzügigen Honorare ab. Neuhierl verlor gänzlich den Überblick und kündigte ohne Aussicht auf Ersatz die Kreditverträge des Unternehmens, das zu diesem Zeitpunkt mit 25 Millionen DM verschuldet war. Feierabend! Hermann Neuhierl verkraftete diese Niederlage offenbar nicht, und nahm sich während der laufenden Übernahmeverhandlungen gemeinsam mit seiner blinden Mutter in einem Opel Senator durch Einleiten der Abgase das Leben.

Neuer geschäftsführender Gesellschafter wurde 1985 der Ingenieur Kurt Hesse, unter dessen Führung die Firma in Carrera Century Toys umbenannt wurde. Er straffte einerseits das Produktprogramm der Autorennbahnsysteme, und weitete andererseits in den folgenden Jahren die Spielzeugproduktion auf Spielfiguren, Plüschtiere und Modelleisenbahnen für Kinder aus. Dieser Radikalkur fiel auch die technisch aufwendige Carrera Universal zum Opfer. Zudem übernahm Carrera Auftragsproduktionen von Kunststoffteilen z.B. für Firmen aus der Automobilindustrie. Autorennbahnen bilden jedoch weiterhin das Kerngeschäft des Unternehmens. Mit diesen Maßnahmen und einer weitreichenden Ausgliederung der Produktion nach Osteuropa, Hongkong und China, gelang es dem Unternehmen erstmals 1990 wieder, einen Gewinn zu erzielen. 1994 erwirtschaftete das Unternehmen einen Umsatz von 45 Mio. DM, davon 15 Mio. durch die ausländischen Tochtergesellschaften Carrera Century Toys Spanien, Carrera France und Carrera Hongkong. Eine Bewertung der aktuellen Produktpalette erspare ich mir an dieser Stelle, erinnert die Detaillierung einiger Modelle doch eher an das, was am Silvesterabend in geselliger Runde beim Bleigießen herausgekommen ist. Jedoch ist Carrera unter Einbeziehung der Zweitmarke Car Racing in Deutschland nach wie vor Marktführer mit einem Marktanteil von ca. 80%. Insgesamt umfaßt der Markt für Autorennbahnen hierzulande einen Anteil von ca. 2% des gesamten Spielzeugmarktes, dessen Gesamtvolumen 1995 ohne Berücksichtigung der Videospiele 5,2Mrd. DM betrug. Im Vergleich zu dem mit 14% größten Segment der Modelleisenbahnen ist unser Hobby also eindeutig unterrepräsentiert. Mit Hilfe der zahlreichen Sammler und Liebhaber, der engagierten Clubs, der zunehmenden Zahl der Fachgeschäfte, dem anhaltenden Rückenwind durch den gegenwärtigen Motorsportboom und nicht zuletzt durch die Existenz dieser Fachzeitschrift wird sich das hoffentlich bald ändern.

 

Copyright 1997 Henry Smits-Bode

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