Halbstark

Carrera Universal Twister Buggy

Henry Smits-Bode

VORABSTAND NOCH OHNE BILDER!!!!

Die Idee stammte - wie könnte es anders sein- aus den USA. Dort hatten Dune-Buggys Ende der sechziger Jahre bereits eine jahrzehntelange Tradition, deren Anfänge bis in die dreißiger Jahre zurückreichen. Besonders in den Sonnenstaaten wie Kalifornien fegten kreative Tüftler mit ihren abgespeckten Eigenbauten an den Sandstränden entlang. Doch erst vor etwa 40 Jahren kam ein amerikanischer Kunststoffbootproduzent auf den Gedanken, die Basis des VW-Käfers als Plattform für einen in Serie produzierten Kunststoffaufbau zu nutzen, was die Idee des Dünen-Buggys einem breiten Publikum zugänglich machen sollte.

Mit der für Deutschland üblichen Verzögerung fand das Spaßgefährt Ende der 60er auch auf unseren Straßen einen Lebensraum. Ein Redakteur der VW-Hofzeitung Gute Fahrt begeisterte sich für die "Sandflöhe", wie sie in einem Bericht von 1968 bezeichnet wurden, und initiierte den Bau eines deutsche Muster-Buggys. Ursprünglich nur als einmaliges Anschauungsobjekt gedacht, sahen sich die Verantwortlichen alsbald einer Flut von Anfragen ausgesetzt, die von dem Wunsch nach Bauplänen bis zu blinden Kauforders reichten. Die Redaktion stellte sich der Herausforderung und einige Monate und viele glückliche Zufälle später konnte die Fachzeitschrift den fertigen Wagen präsentieren. Mitentscheidend für den Erfolg war ohne Zweifel, dass die Osnabrücker Firma Wilhelm Karmann GmbH, die auch das Käfer-Cabriolet baute, mit ins Boot gezogen werden konnte. So war das große Problem des Vertriebs gelöst, denn Karmann öffnete den Weg zu den VW-Vertragshändlern. Letztlich hieß der Wagen dann auch Karmann GF, wobei das Kürzel für Gute Fahrt steht. Er war nicht der erste Buggy in unseren Breiten, vorher hatte bereits die Firma H.A.Z. die Idee übernommen und einen TÜV-tauglichen Bausatz für knapp 6000 Mark angeboten. Bei einem Preis von nur 2950 DM avancierte der GF aber mit 1200 Einheiten (Karmann Werksangabe, andere Quellen sprechen von bis zu 1500 Stück) zum erfolgreichsten Gefährt seiner Zunft in unseren Landen. Trotz magerer 44 Käfer-PS bot das Auto Fahrspaß satt, was neben dem durch das verkürzte Chassis deutlich reduzierten Radstand vor allem auf das niedrige Gesamtgewicht von nur 600kg zurückzuführen war. Ein Vernunftauto war dieses Vehikel sicher nicht, wollte es aber auch ganz bestimmt nicht sein. Notorische Spaßverderber drängten diese Spezies schnell in die Ecke "Angeberschleuder". Dieses Halbstarkenimage kam nicht von ungefähr, denn die "Flöhe" wurden ganz sicher öfter vor dem Dorfjahrmarkt als vor der Edelboutique geparkt.

Mit dem AHS Imp übernahm Karmann später ein zweites Fahrzeug dieser Machart in sein Angebot. Beide Autos waren ab 1971 auch als Komplettfahrzeug zu haben, allerdings zu recht stolzen Preisen um die 9000 DM. Dafür gab es auch schon ein echtes Auto wie den Ford Capri 1700 oder einen Opel Record C in gehobener Ausstattung. Ein leichter Hang zum Exhibitionismus mußte wohl schon vorliegen, um das sauer verdiente Geld in diese kleinen Flitzer zu stecken. Der Imp erreichte eine Auflage von etwa 600 Exemplaren, war damit aber noch immer einer der erfolgreicheren Buggys bei uns. Mit diesen niedrigen Produktionszahlen blieben die kompromißlosen Mobile seltene Farbtupfer im bundesdeutschen Straßenverkehr. Ende der 70er verschwanden sie aus den Angebotslisten und zählen heute zur bedrohten Art. Die wenigen verbleibenen Exemplare verkörpern heute den Zeitgeist der siebziger Jahre in Reinkultur.

Carrera griff seinerzeit immer aktuelle Trends aus der großen Automobilwelt auf, um sie den Kids in das Kinderzimmer zu bringen. So ein hochmodisches Fahrzeug wie der Buggy durfte da natürlich nicht fehlen. Als Vorbild diente den Fürthern der AHS-Imp, allerdings -ganz Carrera untypisch- in recht freier Interpretation. Vor allem die an der Front charakteristisch eingezogenen Kotflügel lassen aber letztlich doch die 1:1 Vorlage des ungewöhnlichen Slot-Racers erkennen. Mit dem verspielten Decor auf der Front zeigten die Designer sicheres Gespür für die aktuelle Geschmackslage, allenfalls die Besatzung wirkte in diesem Modell eine Spur zu seriös. Dass das Pärchen zudem mehr Platz wie z.B. im Mercedes 350 SL gewohnt war, wirkte sich nicht unbedingt vorteilhaft für deren Gesundheit aus: Die Köpfe der beiden überragten sowohl Scheibenrahmen als auch Überrollbügel um einige Millimeter, so dass diese deren undankbare Aufgaben bei einem Überschlag übernehmen mussten. Die Folgen sind Uni Sammlern hinlänglich bekannt. Bei kaum einem gebrauchten Exemplar ist der Fahrereinsatz noch 100%ig intakt. Grobe Ausrisse sind hier leider eher die Regel als die Ausnahme und mindern den Sammlerwert erheblich! Nachdem die bedauernswerten Figuren ihre Köpfe hingehalten hatten, verabschiedeten sich dann meist der Bügel und der Scheibenrahmen. Der "Rest" der Karosse zeigt sich hingegen recht robust. Einzige Schwachstellen sind hier die Zapfen zur Aufnahme des Chassis, die leicht brechen.

Der Buggy war von 1972 bis 1977 unter der Bezeichnung Twister - Buggy mit der Artikelnummer 40440 im Programm. Sammler differenzieren heute vier Varianten dieses Typs. Auffälligstes Unterscheidungsmerkmal ist die Farbe des Dekors der Fronthaube, welches in rot, schwarz oder blau aufgetragen wurde. Wahrscheinlich wurde die erste Version mit rotem Dekor ausgeliefert. Darauf lassen zum einen die Katalogabbildungen schließen, zum anderen ist bei den meisten dieser Modelle das zweizeilige Nummernschild noch aus dem frühen Papieraufkleber gefertigt, welches erst später dem einzeiligen Foliendecal wich. Vermutlich folgte darauf die schwarze Version. Diese Annahme ergibt aus der Tatsache, dass die demzufolge spätere blaue Variante in zwei Chassisvarianten vertrieben wurde: Die eine entspricht der Form aus den bisher genannten Buggys, die über ein Fahrgestell mit seitlicher Verschraubung und einem zusätzlichen hinteren Zapfen verfügen. Hier kam der auch aus den besseren Formel 1 Modellen ("Spaghetti"-Ferrari und Lotus) bekannte kleine Motor zum Einsatz, der sich in der Praxis als recht anfällig erwies. Für die zweite Chassisvariante mit blauem Dekor wurde auch die Karosserie überarbeitet. Hier fehlen die seitlichen Schraubenaufnahmen, dafür wurde vorne ein zusätzlicher Befestigungszapfen eingearbeitet. Bei dieser Version wurde dann der wesentlich robustere große Bühler-Standardmotor eingesetzt. Wenn die Farben nicht mehrfach gewechselt wurden, was natürlich nicht ausgeschlossen werden kann, ist anzunehmen, daß die blaue Ausführung die letzte Serie darstellt, da sie diese technische Verbesserung aufweist.

Der im 72er Katalog abgebildete goldene Buggy ist nie erschienen. Das dort gezeigte Auto unterscheidet sich nicht nur in der Farbe sondern auch durch die völlig andere Form von der späteren Serie. Ob es sich überhaupt um eine Eigenproduktion Carreras oder um zumindest bei der Basis um ein Fremdprodukt handelt, konnte bislang nicht mit Sicherheit geklärt werden. 1997 sorgte das Auftauchen von Buggy Rohkarossen aus rotem Kunststoff für Unruhe in der Sammlerszene. Nach einiger Zeit stellte sich aber heraus, dass diese Rohlinge nach der im selben Jahr erfolgten Übernahme der Firma zu internen Versuchszwecken gespritzt wurden, um den Formenbestand zu überprüfen. Dennoch geben diese Spritzlinge nach wie vor Rätsel auf, da ihre Form in mehreren wesentlichen Details von den bekannten Modellen abweicht. Markantestes Merkmal: Der Fahrereinsatz ist in den Aufbau integriert und beherbergt nur einen Passagier! Wann und warum diese Änderungen an der Form vorgenommen wurden, ist nicht bekannt. Erklärungsversuche, nach denen es sich um eine frühere Version als die spätere Serie handelt, die aufgrund des zu hohen Schwerpunkts noch einmal geändert wurde, erscheinen unwahrscheinlich, da die Chassisaufnahmen der letzten Serienversion mit breitem Motor entsprechen. Zudem zeigt der rote Buggy z.B. im Fond deutlich mehr Details als die bekannte Ausführung. Die Vermutung liegt daher nahe, dass das Fahrzeug zum Ende seiner Herstellungszeit noch einmal überarbeitet wurde, dann aber letztlich nicht mehr produziert wurde. Bewiesen ist das aber letztlich nicht!

Die Einordnung in Seltenheitskategorien (SK1 = sehr häufig bis SK10 = extrem rar) ist hier als eindeutig subjektiver Erfahrungswert zu verstehen! Diskussionen mit anderen Sammlern ergeben regelmäßig verschiedene Ansichten, insbesondere wenn es um die Differenzierung zwischen der roten und der blauen Variante geht. Meine Einschätzung ergibt sich im wesentlichen aus den mir vorliegenden Suchlisten und der jeweiligen Anzahl der Fahrzeuge, die ich schon selbst in den Händen halten konnte.

1. Twister Buggy mit rotem Dekor: SK 8 (mit Tendenz nach oben!)
2. Twister Buggy mit schwarzem Dekor: SK 8
3. Twister Buggy mit blauem Dekor und schmalem Motor: SK 7
4. Twister Buggy mit blauem Dekor und breitem Motor: SK 8

Wie immer gelten die Einschätzungen nur für einwandfrei erhaltene und vollständig originale Universal-Modelle. Für die Buggys wurden auf Privatinitiative Fahrereinsätze nachgefertigt, die aber anhand der Farbe des hier verwendeten helleren Kunststoffs leicht zu unterscheiden sind. Ein mit solchen nicht originalen Teilen vervollständigter Buggy ist wertmäßig mit höchstens 60% -eher weniger- eines neuwertigen Fahrzeuges anzusetzen, stellt aber aus Sammlersicht sicher nur ein unbefriedigendes Provisorium dar. Angesichts der recht hohen Preise, die originale Buggys inzwischen erzielen, ist es aber sicher eine Alternative, einen günstig erstandenen runtergespielten Dünenflitzer wieder zu einer schönen Optik zu verhelfen und diesen mit gutem Gewissen auch mal auf die Bahn stellen zu können. Scheibenrahmen und Überrollbügel sind kaum zu bekommen, die weiteren Beschlagteile hingegen bereiten schon allein deshalb keine Probleme, weil sie nur selten fehlen. Für den Uni-Fan, der es mit der Originalität nicht so genau nimmt ist aber auch hier bei Bedarf nachgefertigter Ersatz in guter Qualität zu bekommen.

Gut erhaltene Modelle sind mindestens so selten wie unverbastelte Originalfahrzeuge. Wer die Chance hat, einen guten Twister für angemessenes Geld zu erstehen, sollte nicht zu lange überlegen. Denn die Szene ist sich weitgehend einig: Im Maßstab 1:32 ist auch ein Buggy echt stark!

 

Copyright 1999 Henry Smits-Bode

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