Erbschleicher

Carrera Universal Porsche 936

Henry Smits-Bode

Es war ein wirklich schweres Erbe, das ihm der Porsche 917 hinterlassen hatte. Nachdem die Zuffenhausener 1970 mit dem Doppel Hans Hermann/ Dick Attwood und 71 mit Helmut Marko/ Gijs van Lennep die 24h von Le Mans dominierten, durften die deutschen Boliden im Folgejahr nicht mehr mitspielen. Die in Paris ansässige und von Franzosen kontrollierte internationale Motorsportbehörde FIA machte ihnen kurzerhand einen Strich durch die Rechnung. Erst Jahre später wurde der Porsche 936 auserkoren, an die Siege seines erfolgsverwöhnten Vorfahren anzuknüpfen.

Es war ein offenes Geheimnis, welchen Hintergedanken die Funktionäre bei der beschlossenen Reglementsänderung für das Jahr 1972 hatten. Mit der Reduzierung des Hubraums auf 3 Liter wurde der Firma Matra mit ihrem V12 ein Trumpf in die Hand gegeben, der zugleich die härtesten Mitbewerber Ferrari und Porsche zu Statisten degradierte. Der Siegertyp 917 wurde damit seines Revieres beraubt - es gab keine Serie mehr, in der er seine Dominanz unter Beweis stellen konnte. In starken Variationen ging er ins Exil und versuchte sich in der CanAm-Meisterschaft; zunächst leidlich, später überragend.

Die Absicht der Franzosen war klar: Das prestigeträchtige Rennen in Le Mans sollte zugunsten des französichen Staatskonzerns entschieden werden, was in den Jahren 1972 bis 1974 auch in beeindruckender Art und Weise gelingen sollte, wobei 73 und 74 auch die FIA-Meisterschaft an die Rüstungsschmiede ging. Nachdem diese Mission erfüllt war, neigte man sich wieder mehr dem Sportsgeist zu und stellte ein Reglement in Aussicht, in dem sich die mit Abwanderung drohenden Automobilhersteller wiederfinden konnten. Bereits für 1975 war geplant, die Prototypen abzuschaffen und dafür die Seriensportwagen der Gruppe 5 auf die Langstrecke zu schicken. Porsche präparierte dafür zwei 911 RSR Turbo, wurde aber wieder von der launischen FIA eingebremst, die die Reglementsänderung um ein Jahr verschob. Nach diesen Erfahrungen wollte sich Porsche nicht mehr allein auf die Lippenbekenntnisse der obersten Motorsporthüter verlassen. Die Konsequenz: Um nicht wieder auf dem falschen Fuß erwischt zu werden baute Porsche gleich zwei Typen, den 935 und den 936, wobei die letzte Ziffer in der Bezeichnung jeweils auf die Rennserie hinweist, für die der Rennwagen konzipiert war. Diese Doppelstrategie sollte sich als weise Voraussicht erweisen, denn letzlich durchgeführt wurde 1976 dann eine getrennte Meisterschaft für seriennahe Sportwagen der Gruppe 5, während auch weiterhin die Serie der Sportprototypen in der Gruppe 6 gefahren wurde.

Der 936 wurde in seiner Entwicklungsphase vergleichsweise stiefmütterlich behandelt. Porsche legte sein Hauptaugenmerk auf den 935, zudem belegten die Einführung des unseligen 924 sowie die Arbeiten am 928 Kapazitäten im Hause Porsche. So durfte der 936 seine Brüder 908, 917 und 917/30 beerben und auch der 911 RSR steuerte das wichtigste Organ bei. Mit den Komponenten dieser Leichenfledderei baute Porsche quasi nebenher einen echten Siegertypen. Radauffhängung und Bremsen stammten im wesentlichen aus 908 und 917, die Achs- und Getriebeeinheit wurde dem 917 CanAm entrissen, der 74er RSR stiftete den Motor, während der Rahmen wiederum auf dem 908 basierte und die Fiberglas-Karosserie auf Adaptionen des 917/30 beruhte. Was hier nach Patchwork klingt, in Rekordzeit auf die Räder gestellt wurde und eigentlich ja nur aufgrund der unzuverlässigen Reglementsaussichten entstand, wirbelte in den Folgejahren kräftig die Szene auf. Abgesehen von einem Patzer bei der Premiere am Nürburgring, bei der die Drosselklappen den Dienst versagten, Porsches Ehre aber aufgrund des Ausscheidens der viel gerühmten Renault Alpines wenigstens von einem privat gemeldeten 908er verteidigt wurde, fuhr Porsche 1976 alles ein, was man sich vorgenommen hatte. Der 935 tat das Seine in der Gruppe 5, der 936 gewann mit Icks/ van Lennep Le Mans (Porsches erster Sieg bei diesem Taditionsrennen mit einem Turbomotor), sowie die Sportwagenweltmeisterschaft schon nach vier von insgesamt sieben Rennen, die er alle gegen die Alpine gewann. Nach der Doppelweltmeisterschaft 1976 schickte Porsche im Folgejahr zwei aerodynamisch modifizierte 936 nur noch in Le Mans an den Start, um dort um den Gesamtsieg zu fahren. Den Wagen mit der Chassisnummer 002 fuhr erneut Jacky Icks gemeinsam mit Jürgen Barth und Hurley Haywood ganz oben auf das Treppchen - nachdem man zwischenzeitlich aufgrund technischer Probleme bereits auf Platz 41 zurückgefallen war!

In den Folgejahren wurde es ruhiger um das Auto - bis 1981 ein erneut stark überarbeiteter 936 mit lang dahinfließendem Heck Le Mans für sich entschied, natürlich wieder mit Jacky Icks am Volant, unterstützt von Derek Bell. Dieser letzte im Werkseinsatz tätige Wagen dieses Typs trug bereits den Motor des später in der Gruppe C erfolgreichen 956 und legte bei seinem letzten großen Einsatz den Grundstein für eine beispiellose Erfolgsserie, an deren Ende 1987 letztlich sieben Gesamtsiege in Folge bei den 24h für die Zuffenhausener zu verbuchen waren!

Über einen gleich langen Zeitraum machte das Carrera Modell im Katalog eine gute Figur. 1977 in gleich zwei Versionen ins Rennen geschickt, als Vorbild diente das 76er Original, blieb die weiß-rote Variante bis 1981 im Programm, während die attraktivere Jägermeister - Ausführung bis zum Ende der Uni-Ära 1983 angeboten wurde. Mit letzterer blieb Carrera seinem Stil treu, der fast schon Zynismus vermuten läßt: Im Original war die Martini-Lackierung der absolute Blickfang, im Modell wählte man einen direkten Konkurrenten als Sponsor - eine Vorgehensweise, die auch bei anderen Typen des Spielwarenherstellers zu beobachten war, wenn z. B. Aral statt Elf das Modell zieren durfte.

Macht es diese Variantenarmut bei diesem Modell dem Sammler vergleichsweise leicht, sind doch einige Details zu beachten, die den Wert des Fahrzeuges mal mehr, mal weniger beeinflussen. Für alle Ausführungen gilt, daß sie sehr stark zum Verzug neigen. Zum einen tendiert der Frontbereich nach unten, zum anderen ist häufig eine Verdrehung um die Längsachse zu bemängeln. Beides führt in den meisten Fällen dazu, daß die Vorderräder nicht mehr frei drehen können. Hält sich dieser Umstand in Grenzen, wird dieser fast unvermeidliche Makel in der Regel auch bei neuen Fahrzeugen in Kauf genommen, führt also allenfalls zu einem geringen Preisabschlag. Erst stärker ausgeprägt, wenn der optische Gesamteindruck nachhaltig gestört wird, wirkt dieser Fehler deutlich wertreduzierend. Die Frage, ob sich dieser Verzug wieder richten läßt, ist leider nur mit einem "Jein" zu beantworten. Einerseits läßt sich die Karosse mit gezielter Wärmeeinwirkung und nachfolgender Verformung durchaus wieder in Ihre Ursprungsform zwingen, die Gefahr ist aber groß, daß dabei Risse auftreten, die vorher nicht da waren. Da wäre dann der Verzug bei einem ansonsten makellosen Auto sicher das kleinere Übel gewesen, wenn es um ein Exemplar geht, daß anschließend in der Vitrine einen guten Eindruck machen soll. Bei deutlich bespielten Fahrzeugen, die auch anschließend wieder auf die Piste sollen, kann man diese Prozedur dagegen ohne Hemmungen vornehmen. Gute Erfolge ergeben sich, wenn man heißes Wasser über den Frontbereich laufen läßt, die Karosse dann von Hand in die gewünschte Position bringt und in dieser Zwangslage sofort kalt abschreckt. Erfahrungsgemäß muß diese Prozedur in mehrmonatigen Abständen immer wieder mal wiederholt werden, da das Material stets wieder die vorherige Haltung einnimmt. Auch dieser Punkt spricht folglich dagegen, diese Gewaltmaßmahme auf Vitrinenexemplare anzuwenden.

Als typischster grober Mangel, der dem Fahrzeug das Prädikat sammelwürdig verwehrt, ist die Nachbearbeitung der hinteren Radläufe zu nennen, die sehr oft ausgefeilt wurden, um den eng sitzenden und im Originalzustand bei nicht optimaler Ausrichtung oft schleifenden Reifen mehr Raum zu verschaffen. Hier ist ein sehr genauer Blick unverzichtbar, da diese Arbeiten oft auch sehr sauber ausgeführt wurden, so daß sie erst bei genauer Inspektion auffallen. Bei ansonsten makellosem 936er kann sich der unter Sammlern diesem Typ zugesprochenen Wert durch diesen Mangel leicht um 50% und mehr mindern!

Der im Grunde sehr robuste Heckspoiler hat lediglich an der filligranen Kante eine echte Schachstelle. Bei gebrauchten Modellen zeigen sich hier oft sehr feine Ausbrüche oder Vertiefungen. Letztere werden in dieser Zustandskategorie oft akzeptiert, es sollte aber geprüft werden, ob diese Stelle nicht möglicherweise durch Abschleifen der Abrißkante kaschiert wurde, was dann ein ernsthafter Mangel wäre. Neben möglichen Haarrissen in der Fronthaube, verdienen dann noch die schwarzen Partien der Modelle einen prüfenden Blick. Vor allem der obere Bereich der Lufthutze des Jägermeister Porsche wird sehr oft retouchiert. Äußerst minimaler Abrieb sollte hier auch bei im Grunde neuwertigen Exemplaren akzeptiert werden, da dieser durch Schachtelkontakt bei der Mehrheit der Fahrzeuge fast unvermeidlich ist. Nicht ganz einfach ist es allerdings, für einen fehlenden Heckeinsatz originalen Ersatz auzutreiben. Gleiches gilt für die drei aufgesetzten Rück- bzw. Bremsleuchten, die im Spielbetrieb oft auf der Strecke geblieben sind. Beide Mängel führen zu klarem Preisabschlag!

Im Detail können von der Alkohohlwerbungsvariante noch die Decals unterschieden werden. Das Modell wurde sowohl mit schwarzem Untergrund als auch mit braunem Fond hinter dem bekannten röhrenden Markensymbol ausgeliefert. Letztere ist erheblich seltener zu finden und daher in etwa in der Seltenheitskategorie SK 7 (mit Tendenz nach oben) einzuordnen, während die anderen Varianten eher am unteren Ende der SK 6 einsortiert werden können. Wie immer, gilt diese Einschätzung ausschließlich für wirklich sehr gut erhaltene Exemplare ohne nennenswerte Mängel. Unabhängig vom Zustand gehört hingegen gerade die normale Jägermeister-Version zu den echten Bestsellern von Carrera und ist heute entsprechend oft zu finden. Der Zustand ist für den Sammlerwert daher absolut entscheidend! Ein mäßig erhaltenes Exemplar für die Piste mit den genannten groben Karosseriemängeln sollte daher zu moderaten Preisen aufzutreiben sein.

Auch wenn der Porsche 936 im Original mit dem reichem Erbe seiner Ahnen bedacht wurde - man kann ihm nicht vorwerfen, daß er damit verantwortungslos umgegangen wäre. Im Gegenteil: Ganz im Sinne der Familientradition hat er ein gutes Stück zu Ruhm und Ehre der Familie Porsche beigetragen und nahtlos an seine Nachfahren weitergegben. In Anbetracht dieser Erfolge im Hochgeschwindgkeitsbereich hatten wir an dieser Stelle sicher schon passendere Überschriften als "Erbschleicher "....

 

Copyright 2002 Henry Smits-Bode

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