Form follows function

VW Porsche 914

Henry Smits-Bode

Vom Image paßten Sie so gut zusammen wie Dolly Buster und Roman Herzog. So waren es auch eher pragmatische Überlegungen, die Porsche und Volkswagen dazu veranlaßten, gemeinsam einen Sportwagen zu entwickeln. Porsche brauchte einen neuen "Einsteigerwagen", um den Nachwuchs zu rekrutieren, der sich den immer teureren 911er (noch) nicht leisten konnte. Volkswagen, Anfang der Siebziger noch weit entfernt vom progressiven Piech Konzern, suchte nach einem Nachfolger für den in die Jahre gekommen Karmann-Ghia, der bislang als einziges Modell der Fahrzeugpalette so etwas wie sportliches Flair verbreitete.

Ende der Sechziger war VW fast so etwas wie ein Synonym für automobile Langeweile. Wer einen Volkswagen chauffierte, hatte bestimmt auch einen Gartenzwerg in seinem immer gut gepflegten Vorgarten. Über fehlenden Spott konnten sich sie Wolfsburger nicht beklagen: Im Volksmund bekam der 1600TL angesichts des ungewöhnlichen Fließhecks schnell den Beinamen "Traurige Lösung", und die Bezeichnung "Nasenbär" fanden die Fahrer des Typ 411 gar nicht zum Lachen. Die engen Verbindungen zum Hause Porsche sollten helfen, VW aus diesem Imagetief zu ziehen. Porsche, das war die Sportwagenschmiede schlechthin, der 911 der deutsche Traumwagen überhaupt: Schnell, schön - und teuer! Dieser Punkt war es letztlich, der Porsche erkennen ließ, daß auch die Zuffenhausener einen Nutzen aus einer Zusammenarbeit ziehen könnten. Der Gedankengang war einfach: Wer einmal den Porsche Schriftzug am Heck zeigen durfte, der würde auch in Zukunft der Marke treu bleiben. Aber das Erfolgsmodell 911 lag für die anvisierte junge Zielgruppe selbst als Gebrauchtfahrzeug außer Reichweite. Für einen Ausbau der Modellpalette im unteren Segment fehlte Porsche aber neben der günstigen Großserientechnik vor allem die erforderliche Produktionskapazität. VW wollte etwas von Porsches Image, Porsche wollte eine Einstiegsdroge für seine Fans - das Gemeinschaftsprojekt konnte starten.

Im September konnte das Publikum das Ergebnis in Form des VW Porsche 914 auf der Frankfurter IAA begutachten. Das sein Design nicht gerade unumstritten war zeigt folgendes Zitat: "Erfinder notschlachten" urteilte Querdenker Luigi Colani in der ADAC Motorwelt" in seiner unnachahmlich diplomatischen Ausdrucksweise. Kompromißlos entlang der Technik konzipiert war er, eingekleidet von der deutschen Firma Gugelot, die für die schnörkellose Linie des 914 verantwortlich zeichnete. Die spartanische Optik des Spaßmobils muß im Zusammenhang mit dem Anfang der 70er Jahre herrschenden Zeitgeist gesehen werden: Chrom und ähnlicher blendender Zierrat war angesagt. Die eigentliche Sensation offenbarte sich aber erst bei der Suche nach dem Motor: Im Stile solcher Kleinstserienexoten wie DeTomaso, Lamborghini und Dino, setzten die Ingenieure auf das exotische Mittelmotorkonzept. Schon allein aus diesem Grund wurde dem "Volksporsche" bei seiner Präsentation hohe Aufmerksamkeit zuteil.

Der angestrebte Imagetransfer funktionierte - aber leider auch in die umgekehrte Richtung. Als Porsche wurde der 914 nie wirklich ernstgenommen. 80 PS aus dem Vierzylinder des VW 411 in der Grundversion, die von Reifen des VW-Formats 155 SR 15 auf den Asphalt gebracht wurden, gepaart mit typischem Käfer-Sound - das war nicht unbedingt das, was man sich unter einem rassigen Sportwagen vorstellte. Zwar gab es für die betuchtere Kundschaft auch eine Version mit sechs Brennkammern und echtem Porsche-Triebwerk, immerhin 110 PS stark. Aber wer wollte sich schon für 18992 DM ein Fahrzeug kaufen, welches der unkundige Nachbar zur Linken nicht von seinem 7000 DM günstigeren kleinen Bruder unterscheiden konnte und der Nachbar zur Rechten einen nur 1000 DM teureren 911T vor (!) seiner Garage parkte. Das der 914/6 aufgrund seiner Konzeption und des daraus resultierenden Fahrverhaltens im Grunde der bessere Sportwagen war, durfte man nur hinter vorgehaltener Hand zugeben, wollte man nicht von Porsche-Jüngern der Blasphemie für schuldig befunden werden. Auch ein Le Mans Sieg des 914/6 GT in seiner Klasse, dessen Renneinsätze die Akzeptantz als Porsche steigern sollten, fruchtete ebensowenig wie die souveräne Belegung der ersten drei Plätze durch diesen Wagen beim sechsundachtzigstündigen Marathon de la Route auf dem Nürburgring im Jahre 1970. Nach nur 3351 Exemplaren verschwand der große 914 bereits 1972 sang- und klanglos von der Bildfläche, während die Sparversion in ihren verschiedenen Ausführungen zwischen 1969 und 1975 immerhin 118.900 mal verkauft wurde.

Eine pfiffige Konstruktion des Originals sorgt bei Carrera-Sammlern heute für Kopfzerbrechen. Das Targadach konnte mit wenigen Handgriffen demontiert und unter der Heckklappe verstaut werden. Klar, daß Neuhierls detailversessene Mannschaft diese Idee aufgriff und auch an dem 1:32 Modell das Dach abnehmbar gestaltete. Da Kinderhände diesen Vorgang nur selten mit der nötigen Feinmotorik bewerkstelligten, brach schon hierbei häufig der filigrane Rahmen der Windschutzscheibe. Hatte er die Amputation dennoch unbeschadet überstanden, folgte besagte Beschädigung spätestens im harten Renneinsatz auf der Schlitzpiste. Hier hatte die Scheibeneinfassung die Aufgabe eines Überrollbügels zu übernehmen, der sie eindeutig nicht gewachsen war. Das Motto "form follows funktion" der Porsche-Konstrukteure beherzigten die Carrera-Tüftler folglich nicht, den funktionell war diese Modellgestaltung im Sinne eines langlebigen Spielzeugs nun wirklich nicht. Die Folge: Von den meisten 914ern blieben nur Trümmer übrig, erstklassige Exemplare sind heute rar und teuer.

Uni-Sammlern ist der Volksporsche, der von 1970 bis 1978 im Carrera-Programm vertreten war, heute in zwei Varianten bekannt, die sich nur durch ein winziges Detail unterscheiden: Es gibt ihn sowohl mit als auch ohne Außenspiegel auf der Fahrerseite. Wenn auch die erstgenannte Ausführung etwas seltener ist, erscheint es doch angemessen, beide Versionen auf einer Skala von 1(sehr häufig) bis 10 (extrem selten) in die Seltenheitskategorie 8 einzuordnen, was natürlich nur für die übriggebliebenen unbeschädigten Modelle gilt.

Schade nur, daß Carreras ansonsten äußerst vorbildgerechter 914 nicht mit der im Katalog 1970/71 versprochenen Beleuchtung ausgestattet wurde. Ein VW-Porsche mit funktionierenden Klappscheinwerfern a la Porsche 928 - das wäre es doch gewesen!

 

Copyright 1997 Henry Smits-Bode

UPDATE: ???