Mission Impossible

Carrera Universal Ferrari 512 S

Henry Smits-Bode

Irgendwie kommt einem die Dramaturgie bekannt vor: Ferrari stellt ein bildschönes Auto auf die Räder, verspricht den Ferraristi vollmundig Großes für die nächste Rennsportsaison und fährt letztlich doch nur hinterher. Was hier klingt wie eine Situationsbeschreibung aus der Formel 1 Gegenwart, war auch vor dreißig Jahren schon bittere Realität für die roten Renner aus Maranello. Von der einstigen Dominanz war nicht mehr viel übrig. Der letzte Titel in der Königsklasse datierte aus dem Jahre 1964 und auch bei den prestigeträchtigen 24 Stunden von Le Mans hatte Erzfeind Ford mit seinen übermächtigen GT40 in den letzten Jahren das Regiment übernommen. Zudem meldete Porsche verstärktes Interesse am Gesamtsieg auf dem legendären Kurs an.

Nach neun Siegen in Le Mans wollte Ferrari nach langer Durststrecke endlich den zehnten Triumph erreichen. Um die Bedeutung dieser Rennserie zu verdeutlichen muß sich der Leser vor Augen halten, wer damals in diesen Rennen an den Start ging. Da fuhren viele jener Piloten, die an den Wochenenden davor und danach in der Formel 1 an den Start gingen. 1966 fuhr Jackie Stewart, sonst für BRM tätig, im Ferrari. Jo Siffert, 1968 in Lotus-Diensten, drehte seine Runden an den Grand Prix freien Wochenenden im Werksporsche. Heute unvorstellbar! Mit diesen Rennidolen im Cockpit war ein Erfolg in der Sportwagen-WM natürlich entsprechend zu vermarkten und von weit höherer Bedeutung als heute, wo sich das Medieninteresse fast nur noch auf die Formel 1 konzentriert.

Ferrari schickte 1970 den 512 S in diese Mission, eine brutal anmutende Fahrmaschine von bestechender Schönheit. Aber dafür allein gab es noch keine WM-Punkte, sonst hätte Ferrari sicherlich schon einige Pokale mehr eingeheimst.. Um auch im harten Renneinsatz bestehen zu können, wurden dem Wagen anfänglich 550 PS mit auf die Reise gegeben. 25 Exemplare wurden gebaut, um die Homologation für die Gruppe 5 erfüllen zu können. Die meisten der als Berlinetta und als Spider ausgeführten 512er blieben in der Obhut des Werkes, nur wenige wurden an Kunden abgegeben.

Die großen Hoffnungen konnte weder der 512 S noch der ab Oktober 1970 eingesetzte 512 M (für modificata) erfüllen. Zu groß war vor allem die Übermacht der Porsche 917. Le Mans 1970 geriet zum Debakel. Von 14 gemeldeten Ferrari, davon sieben als Werkswagen, eliminierten sich vier Fahrzeuge gegenseitig bei Nacht durch ein unüberlegtes Bremsmanöver des Schweden Reine Wisell. Porsche feierte mit dem 917 einen Doppelsieg, wie auch im folgenden Jahr. Die großen Erfolge blieben dem 512er verwehrt. 1971 reichte es nicht einmal für einen einzigen Erfolg in der Sportwagen WM. Gegen die Zuffenhausener Konkurrenz geriet sein Auftrag schlicht zur Mission Impossible.

Aber es war eben ein Ferrari, ein hinreißend schöner sogar, und schon allein aus diesem Grund mußte Carrera ihn einfach in sein Programm aufnehmen. Die Fürther wählten Lexan als Material für die Karosserie. Gemessen an den eingeschränkten Möglichkeiten, die dieser Werkstoff gegenüber gespritztem Kunststoff bietet, ist Carrera ein sehr schönes Modell gelungen. Was den Betrachter am ehesten stören mag, ist sicher die nicht vorbildgerechte Farbgebung. Aus nicht nachvollziehbaren Gründen wurde -wie auch bei anderen Ferrari Modellen- ein viel zu dunkles rot gewählt, was so gar nicht dem entspricht, was man mit einem Ferrari intuitiv verbindet. Dabei kam der 1971 erstmals in Carrera-Anzeigen vorgestellte Prototyp mit schwarzen Streifen am Heck viel näher an das Originalfinish heran. In Serie ging dieses Auto jedoch in der beschriebenen dunkleren Variante mit blauen Streifen. Dieses Modell war ein echter Langläufer im Carrera Produktprogramm. von 1971 bis 1979 blieb dieser Typ im Katalog. Zumindest auf der kleinen Piste konnte der 512S offenbar so doch noch einige Erfolge für sich verbuchen. Wer einmal verschiedene 512er miteinander vergleicht, kann sogar erkennen, wie sehr die Produktionsform im Laufe der langen Zeit durch die hohe Beanspruchung gelitten hat: Frühe Fahrzeuge zeigen wesentlich bessere Konturen z.B. an den Türsicken, die später immer weiter nachlassen und unsauberer werden.

Der zunächst in Carrera Anzeigen 1971 vorgestellte Prototyp kam näher an das originale Farbfinish von Ferrari heran. Die Farbgebung der Heckstreifen sowie der Scheibenwischer weichen ebenfalls noch vom tatsächlich Produzierten Modell ab.

Gleichfalls interessant ist das rechts abgebildete Vorserienmuster des Mercedes C111, das ebenfalls etliche Abweichungen vom späteren Fahrzeug aufweist.

Aus der langen Produktionzeit folgt heute, daß dieser Typ zu den relativ häufigen Universal-Modellen zählt. Wer bereit ist, kleine Mängel in Kauf zu nehmen, wird in aller Regel schnell fündig. Schwierig wird es nur dann, wenn es ein absolut makelloses Exemplar sein soll. Sehr häufig sind die hinteren Ecken eingerissen. Das gravierendste Problem stellen bei diesem Auto aber die Startnummern dar, die an den Türen und auf der Haube über Kanten geklebt wurden und daher fast immer eingerissen sind. So ein Fahrzeug wird dadurch für den Puristen schnell unansehnlich, was den Sammlerwert erheblich mindert. 40% Abschlag gegenüber neuwertigen Modellen sind hierfür durchaus angemessen. Wirklich gute Stücke erscheinen in der Seltenheitskategorie SK 6 (von 1 = sehr häufig bis 10 = extrem rar). Weitere Probleme stellen der oft fehlende Scheibenwischer sowie die gebrochenen Aufnahmezapfen des Chassis dar. Beides sollte einen aber nicht vom Kauf eines sonst einwandfreien Exemplars abhalten, denn Ersatz ist hier verhältnismäßig leicht zu finden.

Wer einmal dieses trotz seiner sportlichen Erfolglosigkeit faszinierende Auto fast hautnah erleben möchte, dem sei der Film "Le Mans" mit Steve McQueen dringend anempfohlen in dem ein 512er und ein 917 die automobilen Hauptrollen spielen. Dieser Streifen gehört eigentlich zum Pflichtprogramm für jeden Carrera Universal Fan. Ferrari 512, Porsche 917, Lola T70, Ford GT40 - man glaubt sich in einem Carrera-Katalog Anfang der Siebziger wiederzufinden. Aber Vorsicht: Fast zwei Stunden Motorengedröhn ohne besonders spannende Rahmenhandlung soll schon für so manchen Ehekrach gesorgt haben...

 

Copyright 1999 Henry Smits-Bode

UPDATE: -